GEW Hamburg

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
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50 Jahre Gesamtschulen in Hamburg

Geschrieben von: 
Webredaktion
Thema: 
Schule
Veranstaltung mit GEWerkschaftlicher Beteiligung
Foto: Joachim Geffers

Am Dienstag, 18.9., fand auf Einladung der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft eine Podiumsdiskussion zum Thema „50 Jahre Gesamtschulen in Hamburg“ statt. Anja Bensinger-Stolze, Vorsitzende der GEW Hamburg, hat ein Grußwort gehalten, das sich unten findet.

Weitere Infos zur Veranstaltung finden sich unter https://www.gew-hamburg.de/themen/schule/50-jahre-gesamtschule-in-hamburg.

Grußwort zu „50 Jahre Gesamtschulen in Hamburg“ am 18.9.2018

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

als mich Sabine Boeddinghaus vor ein paar Wochen gefragt hat, ob ich hier bei dieser Veranstaltung das Grußwort halten möchte, habe ich freudig zugesagt!

Drei Gründe spielen dabei eine Rolle:

Zum einen ist die GEW Hamburg mit der Gesamtschulentwicklung in Hamburg und darüber hinaus untrennbar verbunden.

Zum anderen habe ich selber als Pädagogin 1991 an einer Hamburger Gesamtschule mein Berufsleben begonnen.

Und zum dritten möchte ich, dass wir weiterhin – trotz aller Widrigkeiten – für „eine Schule für alle“, einer Schule die für den Abbau der Ungleichheit bei den Bildungschancen steht, dass wir diese Schule weiterhin bei all’ unseren Anstrengungen im Blick haben.

Lassen Sie mich, lasst mich diese drei Punkte ein wenig ausführen.

Wie stark sich die Hamburger GEW mit der Entwicklung der Gesamtschulen und mit der konkreten Umsetzung beschäftigt hat, wird unter anderem in den Ausgaben der Hamburger Lehrerzeitung (hlz) gerade aus dem Jahr 1968 deutlich. Gleich in der ersten Nummer der hlz 1968 finden sich die Thesen der Kommission des Sozialpädagogischen Kreises in der GEW wieder:

Dabei wird die Gesamtschule als Ganztagsschule, zu der vom Schulkindergarten über Schulpsychologen, vom schulärztlichen Dienst bis zur Schule als kulturelles Zentrum  des Ortsteils für Jugendliche und Erwachsene alles gehört, vorgestellt. Die Notwendigkeit der engen Zusammenarbeit von Lehrkräften und sozialpädagogisch ausgebildeten Fachkräften – heute sprechen wir vom pädagogisch-therapeutischen Fachpersonal – wird als wesentlich gekennzeichnet. Multiprofessionelle Teams lassen grüßen! Auch die Ansprüche an die Raumgestaltung könnten wir heute übernehmen: Unterrichtsräume, Räume für Neigungsgruppen, Wirtschafts- und Speiseräume, Ruheräume für Schüler*innen, Aufenthalts- und Ruheräume für Mitarbeiter*innen, Lese- und Arbeitsräume, Sport- und Spielplätze und Räume für den schulfürsorgerischen und schulärztlichen Dienst gehören dazu.

Im April 1968 beschließt die Hauptversammlung der GEW ein 16 Punkte umfassendes Thesenpapier – in das die Thesen des Sozialpädagogischen Kreises einflossen - zum Aufbau der Gesamtschulen. In den Thesen wird der Weg zu einem integrierten Gesamtschulwesen skizziert. Dass dabei über Hamburg hinaus gedacht wurde, wird u.a. in der 15. These deutlich: die Schulbehörde wird aufgefordert, mit anderen Behörden in anderen Bundesländern zusammen zu arbeiten und darauf hinzuwirken zum Aufbau von Gesamtschulen ein didaktisches Zentrum für die gesamte Bundesrepublik zu schaffen. (Ist das eigentlich passiert?) Neben vielen gemeinsamen Zielen, die den unterschiedlichen Modellen von Gesamtschulen zugrunde liegen sollen, gehört ganz wesentlich die Beseitigung sozialer Barrieren und Abbau der Ungleichheit der Bildungschancen. Auf der bundesweiten GEW-Vertreterversammlung im Juni 1968 in Nürnberg werden nicht zuletzt auf Grundlage des Hamburger Thesenpapiers, neben Papieren aus Berlin und Hessen, „die Überwindung des ‚Modernitätsrückstandes‘ (und) ein systematischer Aufbau der Gesamtschule gefordert“. Natürlich sind damals auch viele GEW-Aktive, ehemalige Vorständler*innen und Vorsitzende der GEW ganz persönlich beim Aufbau, bei der konkreten Umsetzung der Gesamtschulidee in Hamburg beteiligt. Davon sehen und hören wir sicher nachher noch mehr.

Meine Erstbegegnung mit einer Gesamtschule in Hamburg fand mit meiner Einstellung 1991 statt. In Bremen hatte ich studiert, mein Referendariat an einem Schulzentrum – man könnte sagen einer kooperativen Gesamtschule ohne Oberstufe – absolviert. Diese Organisation von Schule bot den Schülerinnen und Schülern schon sehr viel mehr Chancen als das, was ich selbst über einen erweiterten Realschulabschluss an einer HR-Schule in Niedersachsen und dem nicht ganz einfachen Übergang in die Neu gestaltete Oberstufe in Bremen, erlebt hatte. Da Bremen mich als Lehrerin – wie viele andere leider auch - nicht haben wollte, bewarb ich mich u.a. auch in Hamburg. Der Personalreferent für Gesamtschulen lud mich ein und schickte mich an die Otto-Hahn-Schule. Die OHS wurde 1968 – also vor 50 Jahren als Gymnasium gegründet und hat sich 5 Jahre später in eine Gesamtschule gewandelt. Als ich in der GEW aktiv wurde, musste ich mir in der Fachgruppe Gesamtschulen von GEW’lern anhören, die OHS sei gar keine richtige Gesamtschule, weil sie in einigen Fächern zu früh differenziere usw. Ich war also schnell  drin, in der Debatte, wie eine Gesamtschule denn auszusehen habe.

1993 hob Prof. Tillmann, auf der von der Behörde organisierten Veranstaltung „25 Jahre Gesamtschule in Hamburg“, den Kern der Gesamtschulidee, der über alle Unterschiede zählt, hervor:

Die Gesamtschule ist auf den „Abbau von Bildungsbarrieren, auf Einbezug sozial benachteiligter Gruppen angelegt. Sie betreibt eine Pädagogik der Integration statt einer Strategie der Aussonderung.“ Unter diesem Aspekt ist es unstreitig, dass die heutigen Stadtteilschulen in Hamburg in der Tradition der Gesamtschulen stehen. Hieran gilt es anzuknüpfen

Zum anderen formulierte er, dass die „Gesamtschule (…) als Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem gedacht (ist), nicht als seine Ergänzung. Die Gesamtschule zielt darauf, das selektive Schulsystem zu ersetzen.“ Ja. Deshalb ist das Zwei-Säulen-Modell, in dem die eine Schulform selektiert und die andere Schulform nicht, keine Lösung. 9 Jahre Zwei-Säulen-Modell hat in Hamburg nicht zu einer Aufhebung der Segregation geführt. Ob ein Zwei-Säulen-Modell ein Schritt auf dem Weg zur „einen Schule für alle“ sein kann, oder die Zwei-Gliedrigkeit eher festschreibt, ist zu diskutieren.

Ebenfalls auf der Tagung vor 25 Jahren wurde konstatiert, dass es in absehbarer Zeit keinen großen Wurf geben wird. Wir in Hamburg mussten 2010 schmerzhaft zur Kenntnis nehmen, dass es noch große Widerstände für die Idee eines integrierenden Schulsystems gibt.

Noch einmal zurück ins Jahr 1968. Auch der DGB Hamburg hat sich im Februar 1968 eindeutig für die Einführung der Gesamtschule ausgesprochen und begründete so: „Die Verwirklichung des Gesamtschulgedankens wäre nach Auffassung der DGB in Hamburg ein erheblicher Fortschritt, denn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung könnte dadurch von dem persönlichkeitsschädigenden Gedanken befreit werden, wegen Rückstellung vom Gymnasium oder von der Realschule schon als Kind eine ‚gescheiterte Existenz‘ zu sein.“

Aus meiner Sicht bleibt es gut und richtig für die Idee weiter zu streiten, Bündnispartner*innen zu suchen und unsere Vorstellung von einer Schule, die nicht selektiert, die inklusiv ist weiter voran zu bringen!

Danke!