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Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
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Rede von Bine Bielefeldt, Grundschul-Lehrkraft an einer Hamburger Schule, beim Warnstreik am 18.11

Geschrieben von: 
Webredaktion
„Wir fordern 5% mehr Gehalt, mindestens 150€, eine stufengleiche Höhergruppierung, sowie die längst überfällige Paralleltabelle!“
Bine Bielefeldt

Bei unserem Warnstreik am 18.11 redete u.a. Bine Bielefeldt, Grundschul-Lehrkraft an einer Hamburger Schule:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

wir sind hier heute mal wieder zusammengekommen, um gemeinsam für eine bessere Entlohnung unserer Arbeit zu kämpfen, doch nicht nur das, wir kämpfen in Zeiten der Pandemie vor allem um die Anerkennung und Wertschätzung unserer Arbeit, denn mit den warmen Worten des Senators in irgendwelchen Rundschreiben, lassen sich die hohen Hamburger Mieten nicht bezahlen.

Wir haben monatelang während der Pandemie unsere Gesundheit aufs Spiel gesetzt und dafür fordern wir jetzt nicht nur Respekt, sondern auch mehr Geld, denn wir sind es wert!!

Mein Name ist Bine Bielefeldt. Ich bin angestellte Lehrerin an einer KESS 1 Grundschule in einem Hamburger Problemviertel!

  • Die Pandemie hat uns jede Woche vor neue Herausforderungen gestellt
  • Die wöchentlichen Dienstbesprechungen, Team- und Jahrgangskoordinationen mussten einer Vielzahl an Videokonferenzen weichen
  • Wir mussten den Fern- und Präsenzunterricht gestalten. Teilweise hatten wir am Vormittag Präsenzunterricht und am Nachmittag Videokonferenzen
  • Bei vielen Kolleginnen Kollegen hat das Homeschooling eine permanente Dauererreichbarkeit mit sich gebracht. Eine Abgrenzung war nur schwer möglich und ein Abschalten fast gar nicht!!!
  • Doch ich weiß nicht, wie es euch ging, liebe Kolleginnen und Kollegen, die größte Belastung für mich, war die ständige, psychische Belastung.
  • Die Sorgen um die Schülerinnen und Schüler! Werden wir ihnen gerecht, erreichen wir alle? Nicht alle meiner Schülerinnen und Schüler waren per Mail bzw. Video erreichbar. Manche waren nur per Telefon „hörbar“ bzw. oft nur die Eltern. So manche wurden aus Angst während des Lockdowns förmlich weggesperrt!
  • Das Resultat zeigt sich jetzt! Alle Formen von Therapien sind ausgebucht bei langen Wartelisten! Alle Sorgentelefone überlastet!!
  • Zu den psychischen Belastungen kamen auch noch die physischen:
    • das dauerhafte Tragen der Masken
    • das Einhalten/Überwachen der Hygienemaßnahmen
  • So ganz nebenbei sollten wir nun auch noch den digitalen Bildungsauftrag umsetzen
  • Doch die ganze Zeit habe ich mich gefragt, kann ich überhaupt den Bildungsauftrag erfüllen?
  • Nein, das kann ich nicht. Zumindest nicht so, dass ich einigermaßen zufrieden wäre. Viele Schülerinnen und Schüler sind auf der Strecke geblieben. Wir an einer KESS 1 Schule sind im Unterricht öfter doppelt besetzt, in unseren multiprofessionellen Teams, aber eigentlich müssten wir oft zu viert oder zumindest zu dritt sein.
  • Noch nie hatte ich in einer dritten Klasse so viele Kinder, die immer noch nicht richtig lesen können. Diese müssten täglich gefördert werden! Und zwar von echten Pädagoginnen und Pädagogen und nicht von Hilfskräften. Von Pädagoginnen und Pädagogen zu denen sie eine Beziehung aufbauen können, nicht von ständig wechselndem Hilfspersonal
  • Noch nie hatte ich so viele sozial-emotionale Problemfälle in EINER Klasse. Dieses „Kümmern“ geht nicht einfach nebenbei. Das fordert qualifizierte Arbeit einer weiteren Pädagogin!!
  • Doch die gibt es nicht. Es gibt nur das Personal, was es vorher schon gab, ohne die Pandemie! Es gibt nur das Personal, das vorher schon nicht ausreichend war, da immer alles zusammenfällt, wenn nur eine Kollegin oder ein Kollege krank wird.
  • Von der Inklusion, die wir auf diese Weise NICHT leisten können, möchte ich hier gar nicht erst anfangen.
  • Doch die Pandemie hat auch bei uns Spuren hinterlassen, die sich in einem hohen Krankenstand zeigen, teilweise auch durch längerfristige Erkrankungen
  • Die Lernferien, die zum „Ausgleich“ angeboten wurden, sind ein kleiner Tropfen, ein teilweise umstrittener Tropfen, der auf jeden Fall auch wieder viel Arbeit bedeutet. Denn wer organisiert die Lernferien? Die Schulleitung! Wer versorgt die „Lehrkraft“ mit Material? Wir, die Klassenlehrer*innen! Welche Arbeitsentlastung bekommen sie oder wir dafür? KEINE!
  • Und mehr Gehalt wäre da eine echte Anerkennung vor allem für uns angestellte Lehrerinnen und Lehrer, die immer noch unter der Beamtenbesoldung liegen. Deshalb fordern wir nicht nur 5% mehr Gehalt, mindestens 150€ sondern auch endlich die Einführung der Paralleltabelle
  • Denn wir haben unser Bestes gegeben, das wollen wir nicht zum Nulltarif getan haben. Wir brauchen nicht nur mehr Geld sondern auch mehr Stellen, damit der Beruf attraktiv bleibt! Damit es überhaupt weiterhin Pädagoginnen und Pädagogen gibt, die sich diesen anstrengenden Beruf zutrauen und damit sie sich das in einer Stadt wie Hamburg auch leisten können……………
  •  Deshalb fordern wir 5% mehr Gehalt, mindestens 150€, eine stufengleiche Höhergruppierung, sowie die längst überfällige Paralleltabelle

Vielen Dank

Foto: Fredrik Dehnerdt