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Mehr als Noten und Prüfungen

Geschrieben von: 
GEW Hauptvorstand
Thema: 
Schule
Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de

Die Pandemie hat nicht nur für Lernlücken gesorgt, sondern vor allem selbstständiges Lernen und digitale Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler gefördert. Und sie hat die soziale Ungleichheit in den Fokus gerückt.

08.07.2021 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Typisch, finden sie: Alle reden nur über Bildungslücken und Lernrückstände. „Lernstandserhebungen sollen jetzt zeigen, was wir alles nicht können“, bemängelt ein Junge. Dabei würden die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Bielefelder Laborschule viel lieber zeigen, was sie während der Corona-Pandemie gelernt haben. Zum Beispiel in punkto Digitalisierung. So haben sie im Lockdown im Deutschunterricht zu zweit oder dritt zu Hause ein kleines Theaterstück zu Wolfgang Borcherts „Küchenuhr“ gedreht: Die Jugendlichen haben die Szenen mit ihrem Handy aufgenommen, daraus ein Video geschnitten, den fertigen Film an die Klasse geschickt und danach per Videokonferenz darüber diskutiert.

„So etwas konnten sie vorher nicht“, sagt Lehrerin Sabine Geist. Die Kinder hätten große digitale Kompetenzen erworben. „Wir Lehrkräfte übrigens auch.“ Die Pandemie hat zudem selbstständiges Lernen gefördert. Und zugleich gnadenlos bloßgelegt, wie sehr benachteiligte Kinder auf der Strecke bleiben.

 „Profitiert haben diejenigen, die immer profitieren“, stellt die Didaktische Leiterin der Reformschule fest. Vielen Schülerinnen und Schülern habe die enge Begleitung beim Lernen sehr gutgetan. „Wir konnten mit viel mehr Ruhe und Bedacht auf sie eingehen als normalerweise im Unterricht.“ Egal ob per Telefon, Mail oder Videokonferenz: Die Lehrkräfte nahmen sich mindestens zweimal pro Woche viel Zeit für ein individuelles Feedback. Zudem konnten sich die Schülerinnen und Schüler jederzeit melden, wenn sie eine Aufgabe nicht verstanden hatten. „Das hat wirklich gut geklappt“, sagt Geist. Allerdings sei nicht von der Hand zu weisen, dass es auch Kinder und Jugendliche gab, die sich sehr schwertaten und massive Unterstützung brauchten.

 „Die Erfahrungen sollten genutzt werden, Bildung neu zu denken“, fordert Bildungsexpertin Ilka Hoffmann. Die ehemalige Leiterin des Vorstandsbereichs Schule der GEW macht sich dafür stark, den Fokus in der Debatte wegzulenken von Defiziten – und lieber darüber zu sprechen, was Kinder und Schulen jetzt wirklich brauchen: Ermutigung und Unterstützung. Ihrer Meinung nach hat die Corona-Pandemie deutlich vor Augen geführt, dass es bei Bildung um sehr viel mehr geht als um Noten und Prüfungen.

Doch die Politik habe vor allem Sorge um die Abiturprüfungen gehabt und auf Teufel komm raus Klausuren durchboxen wollen. „Damit einher ging häufig die Vorstellung eines standardisierten Frontalunterrichts, der sich per Livestream ins Kinderzimmer übertragen lässt“, kritisiert Hoffmann. Auch viele digitale Lernprogramme folgten einem simplen Richtig-Falsch-Schema und seien nicht geeignet, die Lernentwicklung gut zu begleiten.

Schule als „Sortiermaschine“

Im Zug hörte die Gewerkschafterin, wie sich zwei Mädchen darüber unterhielten, dass in diesem Schuljahr wegen Corona aufs Sitzenbleiben verzichtet wird. Die Freundinnen freuten sich: „Da brauchen wir uns gar nicht mehr anzustrengen.“ Kein Wunder, findet Hoffmann, schließlich erlebten viele Schülerinnen und Schüler die Schule nur als „Sortiermaschine“. Statt sie ständig zu benoten und zu bewerten, sollten Kinder lieber ermuntert werden, lebenslang lernen zu wollen, meint die Schulexpertin. Dafür gelte es, ihre individuelle Entwicklung zu fördern: Was klappt gut? Wo braucht es Unterstützung?

„Ganz wichtig ist, dass die Kinder nicht aus Druck oder Angst heraus lernen“, so Hoffmann, „weil sie sonst eine Fünf schreiben oder die Lehrerin schimpft.“ Davon ließen sich vor allem Mädchen und Jungen schnell entmutigen, die zu Hause wenig gefördert werden, warnt sie. Schon vorher sei die soziale Situation der Schülerinnen und Schüler in die Noten eingeflossen. „Doch durch Corona ist diese Ungleichheit ganz klar zutage getreten.“

Lehren aus der Pandemie

Eine Kommission von Bildungsexpertinnen und -experten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. „Lehren aus der Pandemie: Gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendlichen sichern“, lautet der Titel ihrer Empfehlungen. Die Krise habe die „wirklich brennenden Themen“ im Bildungsbereich offengelegt, betont der Geschäftsführende Direktor des DIPF, Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Kai Maaz. Dazu zählt: Wie lässt sich soziale Ungleichheit abbauen? Und wie gehen Lehrkräfte mit Heterogenität in den Klassen um? Der Vorsitzende der Kommission ist überzeugt, dass alle Kinder von gutem Unterricht profitieren. „Aber leistungsschwache Schülerinnen und Schüler, die zu Hause keine Unterstützung erhalten, noch ein Stück mehr.“

Nach Ansicht des Soziologieprofessors zeigt das Milliardenprogramm des Bundes, dass die Situation benachteiligter Kinder verstärkt in den Blick genommen wird. „Das Bewusstsein dafür ist da, dass die Kinder unterschiedliche, auf sie angepasste Angebote brauchen“, betont Maaz. „Und zwar nicht als einmalige Insellösung, sondern als langfristige Strategie.“ Lehrkräfte müssten dazu befähigt werden, alle Kinder zu erreichen. Dazu gehört seiner Meinung nach, dass sie im Unterricht differenzieren und die Aufgaben individuell an den Lernstand und die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler anpassen. Die Pandemie habe zudem deutlich aufgezeigt, wie zentral persönliches Feedback für die Lernentwicklung sei. „Das wussten wir allerdings auch schon vor Corona“, fügt Maaz hinzu.

Individuell fördern

Viele Lehrkräfte erlebten im Wechselmodell, wie angenehm und mit besseren Lernergebnissen es sich mit der Hälfte der Klasse unterrichten lässt. In der Bielefelder Reformschule unterstützen Studierende im Unterricht, so dass oft zwei Erwachsene für acht bis zehn Mädchen und Jungen zuständig sind. „Da hat man wirklich die Chance, individuell auf jedes Kind zu gucken“, betont Geist. Die Pandemie habe noch einmal den großen Wert des Präsenzunterrichts verdeutlicht. Obwohl die Laborschule die Schülerinnen und Schüler ab der 1. Klasse systematisch aufs selbstständige Lernen vorbereitet – Noten gibt es überhaupt erst ab der 10. Klasse –, haben einige vor Freude fast geweint, als sie wieder normal zur Schule gehen konnten.

Die Jugendlichen regten sofort an, einen Wandertag zu machen, Klettern zu gehen „und gemeinsam Spaß zu haben“, berichtet die Lehrerin. „Allen ist bewusst geworden, dass dieser Teil von Schule genauso wichtig ist.“ Trotzdem gibt es Pläne, auch künftig bei Bedarf aufs Homeschooling zurückzugreifen. „Die Erfahrung hat gezeigt, wie gut das Distanzlernen klappen kann.“

Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de