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Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
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Nachruf auf Prof. Dr. Axel Schildt

Geschrieben von: 
Webredaktion
Foto: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft trauert um Prof. Dr. Axel Schildt. Am 5. April 2019 starb er im Alter von 67 Jahren.

Von 2002 bis 2017 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg, Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und bis zu seinem Tod jahrzehntelang Mitglied der GEW, war Axel Schildt einer der herausragenden und zugleich innovativsten Historiker der Bundesrepublik Deutschland. Er verband die Sozial-, Kultur- und Intellektuellengeschichte zu einem faszinierend neuen Blick auf die Bundesrepublik. Seine zeitgeschichtlichen  Forschungen erweiterten unseren Blick auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dabei verharrte er nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern verbreitete sein Wissen klug und unterhaltsam in öffentlichen Vorträgen. Er arbeitete nicht nur in vielen nationalen und internationalen Gremien mit, sondern  auch als Jurymitglied des Schülerwettbewerbs der Körber-Stiftung um den Preis des Bundespräsidenten. Als er 2018 einen Vortrag über Hitler und dessen Auftreten im Hotel Atlantic vor dem konservativen Hamburger Bürgertum hielt, belegte er im Detail und kenntnisreich die engen  Verbindungen zwischen wesentlichen Teilen des Hamburger Bürgertums und den Nationalsozialisten. Hitler hielt seine Rede im Übrigen bereits 1926, als die Hamburger NSDAP, wie Axel Schildt betonte, noch eine kleine Splitterpartei darstellte. Wehret den Anfängen!, war die implizite Warnung an uns, die wir ihm vor eineinhalb Jahren zuhörten. Eine Zusammenfassung seines Vortrags kann im Anschluss an diesen Nachruf nachgelesen werden.  

1980 promovierte er in Marburg zum Thema „Die Querfrontkonzeption der Reichswehrführung um General Schleicher am Ende der Weimarer Republik“. Das Phänomen der Querfront beginnt gegenwärtig wieder eine unheilvolle Rolle zu spielen. Die Heinrich Böll Stiftung schrieb in ihrem Nachruf auf Axel Schildt, seine Stimme sei auch auf „seinem letzten“ Historikertag 2018 laut vernehmlich gewesen. Angesichts des wachsenden Rechtspopulismus mit der Gefährdung der Demokratie hätten sich seine Beiträge zur Freiheit der Wissenschaft und der Rolle der Geschichtswissenschaft durch einen aufklärerischen Impetus und eine klare Haltung gegenüber rechten Anfeindungen ausgezeichnet.

2017 bekannte er, in der Frühzeit der Grün-Alternativen Liste in Hamburg habe er ein Faible für den „Lederjackenrockerstil“ von Thomas Ebermann und der GAL-Spitze gehabt. Das passte. In der 1968er Zeit hatte er sich als Oberstufenschüler der Ahrensburger Stormarnschule in der ersten Reihe und - nicht eben zur Freude des Lehrkörpers - lautstark an den Protesten  beteiligt. So erzählen es noch heute seine Mitschülerinnen.

Die ihn näher kannten, erinnern sich an den Menschen Axel Schildt, der humorvoll und kollegial  allen begegnete, die ihn um seinen Rat oder um einen Vortrag oder um Betreuung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten baten. Auch die GEW Hamburg hat ganz direkt von ihm profitiert. Als er im Februar 2018 gefragt wurde, ob er an dem GEW-Symposium „Verantwortung für die Geschichte übernehmen“ teilnehmen würde – es wurde damals  in der Hamburger GEW die Frage diskutiert, wie mit dem gewerkschaftseigenen Haus Rothenbaumchaussee 19 umzugehen sei, das bis 1935 einer jüdischen Erbengemeinschaft gehört hatte - sagte er spontan zu. Auf dem Podium erklärte er, bei der Debatte um Recht und Unrecht dürfe der Umgang mit der NS-Verfolgung in den Nachkriegsjahrzehnten nicht ausgeklammert werden. Nach 1945 seien die meisten Deutschen weder zur Empathie gegenüber den Juden und anderer Verfolgten fähig gewesen, noch  hätten sie sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung gestellt.

Axel Schildt war anders. Empathie mit Menschen war die Richtschnur seiner Tätigkeit als Hochschullehrer. Er hat sich seiner gesellschaftlichen Verpflichtung als deutscher Historiker gestellt. Wir vermissen ihn schon jetzt.

Bernhard Nette

Foto: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg