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Ehrenamtliche Arbeitsrichter*innen

Geschrieben von: 
Webredaktion
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Jens Kastner (GEW)

Die eine ist noch ganz frisch dabei, der andere schon ein alter Hase: Susan Straubel (EVG) und Jens Kastner (GEW) sind ehrenamtliche Richter*innen und erzählen von ihrer Motivation und ihren Erfahrungen.

Susan, Du bist erst seit rund einem Jahr ehrenamtliche Richterin am Arbeits- und Sozialgericht. Du kannst Dich sicher gut an Deinen ersten Verhandlungstag erinnern, oder?

Susan: Klar, ich habe mich richtig darauf gefreut und aufgeregt war ich natürlich auch. Ich wusste ja nicht, was mich erwartet: Wie wird das laufen, wie sind die Richter drauf?

Und wie war es dann?

Susan: Gut! Meine Vereidigung hatte schon etwas Feierliches. Ich hatte das Gefühl, dass ich von den Anwälten gleich ganz anders angeschaut worden bin. Meine Robe war allerdings viel zu groß. Sah ein bisschen komisch aus. Und gleich bei der ersten Verhandlung konnte ich bei der Besprechung danach meine Erfahrung aus meinem Arbeitsleben einbringen, weil die Richterin sich in dem Bereich nicht so gut auskannte. Wir haben dann sehr kooperativ gesprochen, um gemeinsam zu einem Urteil zu kommen.

Jens, du hast schon drei Amtsperioden hinter dir. Kannst du dich an die Anfänge erinnern?

Jens: Ich weiß auch noch, wie ich die Robe das erste Mal angezogen habe. Meine war viel zu klein. Sah auch etwas merkwürdig aus. Trotzdem macht das schon was mit einem. Sie ist wie eine Uniform und hilft dabei, sich an seine Rolle zu erinnern. Ich weiß auch noch, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mich an die Spielregeln zu gewöhnen und in den richterlichen Besprechungen deutlich meine Meinung zu sagen. Man will ja am Anfang nicht gleich dumm auffallen. 

Du scheinst dich gut an dein Amt gewöhnt zu haben, sonst wärst du sicher nicht so lang dabei geblieben.

Jens: Man lernt einfach wahnsinnig viel. Vor allem, sich nicht aufzuregen. Merke: Es gibt kein Recht, es gibt nur rechtliche Bewertungen.

Sich nicht aufzuregen ist sicher nicht so einfach, wenn man – wie ihr beide – von der Betriebsrats- und Jugendvertreter*innenseite kommt und da immer Position bezieht?

Susan: Genau deswegen mache ich das ja: Um mal auf der anderen Seite zu sitzen. Als Arbeitnehmervertreterin hätte ich zum Beispiel immer versucht, die Abmahnung eines Kollegen abzubügeln. Als Richterin muss man schon anders draufschauen, mit der Rechtslupe. Der persönliche Horizont erweitert sich total, weil man solche Erfahrungen mitnimmt in seine Gewerkschaftsarbeit und mit Kolleg*innen teilt.

Jens: Manchmal leide ich schon mit und will am liebsten auf der Anwaltsseite stehen. Aber ich erinnere mich dann daran, dass niemand die ganze Wahrheit weiß. Dass sich jemand im Recht sieht, ist eben sein gutes Recht.

Susan, Du bist nicht nur ehrenamtliche Arbeitsrichterin, sondern auch am Sozialgericht. Warum?

Susan: Das ist noch mal was ganz anderes. Am Arbeitsgericht werden mehrere Verfahren an einem Tag abgehandelt. Am Sozialgericht sind es mündliche Beweisaufnahmen, hier muss es nicht immer zum Urteilsspruch kommen. Manchmal wird vertagt, wenn noch etwas fehlt. Deshalb können sich Verfahren über Jahre hinziehen, obwohl es um existenzielle Dinge geht. Zum Beispiel Wohngeld, Erwerbsminderungsrente oder Klärung des Grades einer Behinderung. Da frage ich mich: Warum dauert das so lange?

Jens, in so vielen Jahren erlebt man doch sicher einiges. Was zum Beispiel?

Jens: Du lernst ganz verschiedene Typen von Richtern kennen: Manchmal geht es zu wie auf dem Basar, da wird wild verhandelt. Manche suchen Kompromisse, andere wollen unbedingt Urteile schreiben. Manchmal ist es auch sehr ernüchternd, weil du merkst: Der oder die Richterin hatten ihr Urteil schon vor dem Verfahren gefällt. Aber es gibt auch lustige Momente: Einmal war bei einem Verfahren ein Dolmetscher nötig. Der Anwalt hat dann einen Gartenschlauch mit einem Trichter aus der Tasche geholt. Das hat der Dolmetscher dann als eine Art Trichtertelefon benutzt, um während des Verfahrens synchron zu übersetzen, ohne dass das die anderen nervt.

Susan arbeitet bei der EVG in Hamburg mit dem Schwerpunkt Rechtsschutz, Jens ist Betriebsratsvorsitzender bei den Freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe.

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