GEW Hamburg

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
Foto mit GEW-Logo

„Ziele verfehlt! Schlechte Noten für Corona-Aufholprogramme“

Geschrieben von: 
Webredaktion
Thema: 
Schule
Bildungsgewerkschaft zur aktuellen Studie „Aufholen nach Corona? Maßnahmen der Länder im Kontext des Aktionsprogramms von Bund und Ländern“
„Ziele verfehlt! Schlechte Noten für Corona-Aufholprogramme“

Die GEW kritisiert die Corona-Aufholprogramme von Bund und Ländern mit Blick auf die aktuelle Studie „Aufholen nach Corona?“ scharf. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten, dass die Programme ihre Ziele in weiten Teilen verfehlten und zudem sozial unausgewogen seien.

„Die Analyse der Aufholmaßnahmen belegt, dass die Fördermittel vielfach nicht dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, nämlich bei Schulen in schwierigen Lagen und armen Kindern und Jugendlichen. Vielerorts erweist sich die zusätzliche Unterstützung eher als Mittelschichtsprogramm und Ankurbelung des privaten Nachhilfemarkts“, stellte Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied Schule der GEW, am Dienstag in Frankfurt a.M. fest. Weitere Unterstützungsprogramme von Bund und Ländern, etwa das geplante „Startchancenprogramm“ für benachteiligte Schulen der Bundesregierung, müssten dringend effizienter, sozial ausgewogener und nachhaltiger gestaltet sein.

Insbesondere benachteiligte Schülerinnen und Schüler würden mit den Corona-Aufholprogrammen nicht erreicht. „Wenn – wie vielfach geschehen - Gelder mit der Gießkanne verteilt werden und die Lernangebote freiwillig und additiv gestaltet sind, kommen diese bei benachteiligten Eltern und deren Kindern kaum an. Dies zeigt sich besonders in den Ländern, die ihren Schwerpunkt auf Lernferien legen oder Gutscheine für private Nachhilfe ausgeben“, betonte Bensinger-Stolze.

Erneut werde deutlich, dass der eklatante Lehr- und Fachkräftemangel die Achillesferse des Schulsystems sei. Viele Schulen seien personell unterversorgt und hätten vielfach schlicht nicht die Zeit für zusätzliche Maßnahmen. Externes Personal für Förderangebote zu rekrutieren, sei angesichts des angespannten Arbeitsmarktes im Bildungs- und Erziehungswesen und angesichts der kurzen Zeit vielfach nicht möglich gewesen. „Wenn sich manche Länder auf private Nachhilfeanbieter stützen, liegt das also teilweise an fehlendem Personal in Bildung und Erziehung. Bis heute ist jedoch ein großer Teil der Gelder nicht ausgeschöpft oder abgerufen worden. Außerdem fehlen in vielen Ländern klare Vorgaben, eine ausreichende Datenlage, soziale Verteilungsschlüssel sowie – gesetzlich und pädagogisch untersetzte – Konzepte, um Kinder und Jugendliche gezielt zu fördern“, unterstrich Bensinger-Stolze.

Das GEW-Vorstandsmitglied räumte ein, dass die zusätzliche Unterstützung im Rahmen der Aufholprogramme für viele Schülerinnen und Schüler sicherlich ein Gewinn gewesen sei. Insgesamt und bundesweit zeige sich aber, dass die Ziele von „Aufholen nach Corona“ nur in kleinen Teilen erreicht werden. Vorne lägen die- Länder, die schon vor der Pandemie gezielte Programme zu Förderung benachteiligter Kinder und junger Menschen etabliert hatten.

„So sehr die Gelder der aktuellen Programme nötig sind: In einem unterfinanzierten und sozial selektiven Schulsystem ist die soziale Schieflage nicht mit befristeten Projektmitteln zu korrigieren. Hier müssen die Bundes- und die Landesregierungen ein größeres Rad drehen. Nicht nur in Richtung eines inklusiveren, gerechteren und solide finanzierten Schulwesens, sondern auch mit Blick auf den eklatanten Personalmangel“, betonte Bensinger-Stolze.

Info: Die heute veröffentlichte Studie, die die Max-Traeger-Stiftung (MTS) der GEW unterstützt hat, untersucht, wie das Bund-Länder-Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ in den 16 Bundesländern umgesetzt wurde. Dabei werden die bundesweiten Maßnahmen, Zielsetzungen, Zielgruppen, Umsetzungsschwerpunkte und Ressourceneinsätze analysiert. Das Ergebnis: Es gibt viele Schieflagen und Konstruktionsfehler. Die Autorinnen und Autoren tragen darüber hinaus Herausforderungen und Gelingensbedingungen für Förderprogramme dieser Art zusammen.

Bibliografische Daten: Marcel Helbig, Benjamin Edelstein, Detlef Fickermann und Carolin Zink: Aufholen nach Corona? Maßnahmen der Länder im Kontext des Aktionsprogramms von Bund und Ländern. In: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. Herausgegeben von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. 19. Beiheft, September 2022, Waxmann-Verlag. Online (open access): www.waxmann.com/buch4603