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Wellenreiten

Geschrieben von: 
GEW Hauptvorstand
Thema: 
Schule
Schule und Coronapandemie
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Nach den Ferien sollten die Schulen den Regelbetrieb aufnehmen – doch zum August machten steigende Corona-Infektionszahlen die Pläne hinfällig. Erste Schulen mussten kurz nach der Öffnung schon wieder schließen.

09.09.2020 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

Auf dem Pausengelände der Grundschule Vizelinstraße in Hamburg schwingen Samiah und Lia (Namen geändert) auf der Schaukel. In dieser letzten Ferienwoche haben sie das Grundstück fast für sich: Die Viertklässlerinnen nehmen am „Lernsommer“ teil, gehen zwei Wochen lang in den Förderunterricht, um einiges nachzuholen, was sie in den Wochen des Corona-Lockdowns versäumt haben. Masken tragen sie nicht, Abstände untereinander halten Kinder und Betreuungskräfte nicht ein, aber die Hände waschen sie sich oft, berichten die Mädchen. Hygienemaßnahmen und Meldepflicht für Besucher ja, Abstand und Masken nein: Mit diesen Vorgaben startet Schulleiterin Yvonne Dannenberg an der Grundschule ins neue Schuljahr.

Streit über Maskenpflicht

Doch in vielen weiterführenden Schulen platzte Anfang August, pünktlich zum Ferienende in Mecklenburg-Vorpommern, der Traum von der Rückkehr zur Fast-Normalität: Ein Land nach dem anderen sprach sich für das Tragen von Masken aus, über die Abstandsregeln wurde neu diskutiert. Denn bundesweit stiegen die Infektionszahlen wieder, das Robert-Koch-Institut hielt die „Entwicklung für sehr bedenklich“.

Einzelne Länder preschten vor, Elternvertretungen äußerten sich besorgt, dann sprach sich Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) für den Mund-Nasen-Schutz in Schulgebäuden aus. Die Länder setzten den Vorschlag unterschiedlich um. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) erklärte: „Auf den Wegen, auf den Schulfluren, in den Pausen sind die Masken ausnahmslos zu tragen“, im Unterricht aber nicht, „weil man da natürlich miteinander reden muss.“

In Schleswig-Holstein, das als drittes Bundesland ins Schuljahr startete, „empfahl“ -Bildungsministerin Karin Prien (CDU) die Maske nur – erstens, weil die Lage im Flächenland sehr unterschiedlich sei, zweitens, weil eine Pflicht schwer durchzusetzen sei: „Sollen Kinder, die sich weigern, nach Hause geschickt werden?“ Dafür sollen Jugendliche ab der 7. Klasse den Schutz in den ersten zwei Schulwochen auch während des Unterrichts tragen. Nach dieser Zeit steckten Infizierte niemanden mehr an, dann könnten die Masken fallen, zumindest innerhalb definierter „Kohorten“, die je nach Größe der Schulen einige Klassen oder Jahrgänge umfassen.

Sorgen der Beschäftigten

Doch wie konsequent sind die Pläne, und können die Schulen sie tatsächlich umsetzen? Viele Lehrkräfte sind eher skeptisch, die GEW-Landesverbände melden Kritik an. „Lehrkräfte stehen großen Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die gerade in aller Herren Länder im Urlaub waren, auf engem Raum gegenüber“, beschrieb Maik Walm, Teil des GEW-Vorstandsduos in Mecklenburg-Vorpommern, die Lage. Er riet dazu, die Regeln genau einzuhalten und „auch bei kleinen Anzeichen von Krankheit verantwortungsbewusst zu Hause zu bleiben“. Das Land erlaubt bis zu fünf Corona-Tests für Schulpersonal bis zu den Herbstferien, in Hamburg sind es drei.

Nicht nur in diesem Punkt gehen die Länder unterschiedlich mit den Sorgen der Beschäftigten um die eigene Gesundheit um. So ließen sich in Mecklenburg-Vorpommern rund 500 Lehrkräfte vom Betriebsarzt untersuchen, weil sie aufgrund von Alter oder Vorerkrankungen ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf befürchten. 175 könnten von zu Hause aus arbeiten, andere würden in kleineren Gruppen eingesetzt, sagte Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) dem NDR.

In Schleswig-Holstein dagegen bemängelte die GEW ein rigides Vorgehen der zuständigen Betriebsärztin: 780 Lehrkräfte hatten Atteste vorgelegt, nur in 32 Fällen wurde Homeoffice erlaubt. Denn das Land sehe zurzeit kaum ein Risiko, so Ministerin Prien. Zudem „geht es nicht um Schutz des Einzelnen, sondern um die Eindämmung der Pandemie“. Katja Coordes, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW und Mitglied des Hauptpersonalrats, berichtet von großen Sorgen bei vielen Betroffenen, die das Vorgehen als „hartherzig“ empfinden. 20 Lehrkräfte klagen nun, unterstützt von der GEW, gegen das Vorgehen, das Prien bei der Pressekonferenz zum Schuljahresauftakt als regelkonform einstufte.

Ein ganz anderer Vorstoß kommt von der Hamburger GEW: „Statt Unterricht neu zu denken, stapft die Schulbehörde auf alten Pfaden weiter“, bedauert die Landesvorsitzende Anja Bensinger-Stolze. „Es ist schade, dass die Behörde keine Lehren aus der Zeit vor den Sommerferien gezogen hat und die positiven Erfahrungen mit dem Unterricht in kleinen Gruppen aufgreift.“

Vor allem beim Blick auf die Details zweifeln Lehrkräfte und ihre Gewerkschaft an den Plänen. Coordes nennt ein Beispiel: „Der Unterricht soll zeitversetzt anfangen, damit keine Engpässe auf den Gängen entstehen. Aber die Busse folgen weiter dem alten Fahrplan. Also stehen alle Kinder aus einem Bus gemeinsam im Hof.“ Martina Frey, Grundschullehrerin in Mecklenburg-Vorpommern, schüttelt den Kopf über eine Regelung an der Fritz-Reuter-Schule in Ludwigslust: Für die Nachmittagsbetreuung steht nur ein einziger großer Raum zur Verfügung. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich die Jahrgänge dort nicht mischen.“

Sorgen machen sich die Lehrkräfte um die Lernfortschritte. Einzelne Kinder „haben zu Hause mehr gelernt als bei mir“, sagt Frey – weil die Eltern viel mit ihnen übten. Doch wo Unterstützung und Tagesstruktur fehlten, blieben in den Wochen des Lockdowns Aufgaben liegen. So gingen die Leistungskurven in den Klassen stark auseinander – sowohl in der Kleinstadt Ludwigslust als auch in der Hansestadt Hamburg. Den „Lernsommer“ hält Dannenberg daher für eine grundsätzlich gute Idee, bemängelt aber, dass längst nicht alle Kinder, für die die Förderung sinnvoll sei, daran teilnahmen. „Wir hatten zu wenig Zeit für die Vorbereitung und konnten nicht alle Eltern überzeugen, uns ihre Kinder zu schicken“, sagt sie. Auch in Schleswig-Holstein habe weniger als 1 Prozent der Kinder teilgenommen, kritisiert Martin Habersaat, Bildungsexperte der SPD-Landtagsfraktion in Kiel.

Aber wird dieses Schuljahr normal verlaufen? Schon zum Start ist abzusehen, dass neben Corona alles andere verblasst, bedauert Yvonne Dannenberg: „Inklusion, Förderung, neue Konzepte.“ Die Schule Vizelinstraße wollte auf Projektunterricht umstellen – das ist gestrichen, stattdessen gilt Regelunterricht mit Schwerpunkt auf den Kernfächern. „Ich verstehe die Absicht, Rückstände aufzuholen“, sagt Dannenberg. „Aber für die Kinder wird es nicht besser, wenn wir nur durchziehen.“

Für einen zweiten Lockdown fühlen sich die Schulen unterschiedlich gut vorbereitet. „In Sachen Digitalisierung ist der Virus ein echter Turbo“, sagt Mirko Boldt. Der Diplomingenieur unterrichtet als Seiteneinsteiger an der Regionalen Schule in Rehna (Mecklenburg-Vorpommern) Wirtschaft und Informatik. „Wir erhöhen den Level in Hardware, Netzinfrastruktur sowie Fähigkeiten bei Team und Schülerschaft und sind an unserer Schule auf einem guten Weg.“ Ihr Bundesland sei vom „56k-Modem aufs Glasfaserkabel umgestiegen“, rühmte die Schleswig-Holsteinerin Prien und nannte ein einheitliches Lernmanagementsystem und Dienst-E-Mail-Adressen für alle Lehrkräfte.

In Hamburg haben alle Schulen Tablets, Laptops und Rechner gekauft, die die Kinder im Fall des Lockdowns mit nach Hause nehmen können. Aber nicht jedes Kind schaffe den Sprung in die digitale Welt, sagt Frey: „Einige vermüllen ihre Passwörter oder begreifen die Aufgabe nicht.“ Auch Dannenberg weiß, dass nicht alle Kinder damit etwas anfangen können: „Gerade bei eher bildungsfernen Familien mit knappem Budget gibt es zu Hause oft kein Internet. Da hilft das Gerät wenig.“ So gilt in allen Ländern als oberstes Ziel, erneute Schließungen zu vermeiden. Doch ob der Virus da mitspielt? „Das Grundgefühl ist Unsicherheit“, sagt Frey in Ludwiglust. Viertklässlerin Samiah fasst die Lage so zusammen: „Corona ist schon doof.“

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