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Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
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Vom Bildungsauftrag zur Herausbildung unternehmerischen Denkens?

Geschrieben von: 
Webredaktion
Thema: 
Schule
Das LI arbeitet mit dem Network For Teaching Entrepreneurship (NFTE) zusammen
Bild: Logo NFTE, www.nfte.de

NFTE soll man „nifty“ aussprechen und das steht im Amerikanischen für pfiffig, schlau und einfallsreich. Ausgeschrieben steht NFTE für Network For Teaching Entrepreneurship. Als eingetragener Verein will NFTE „Eigeninitiative, Selbstvertrauen und Unternehmergeist in öffentliche und private Schulen“ bringen und Leben verändern.

 

Das Hohelied des freien Unternehmers

Hier geht es nicht um Werbung oder Schleichwerbung für ein Produkt oder ein Unternehmen, nicht um Konkurrenzvorteile oder klassischen Lobbyismus, sondern um das sogenannte Deep Lobbying, um den ganzen Menschen und die Beeinflussung gesellschaftlicher Strömungen und Entwicklungen. NFTE gehört zu den vielen Vereinen, Stiftungen, Interessenverbänden und Unternehmensabteilungen, die versuchen, neoliberale Einstellungen in der Gesellschaft zu fördern. Schülerinnen und Schüler sind die vorrangigen Adressaten einer Ideologie, wonach jeder seines Glückes Schmied ist und wie Bill Gates zum Milliardär werden kann: „Sie entwickeln den Mut, ihr Leben künftig aktiv in die eigene Hand zu nehmen. Durch NFTE wächst ihre Motivation für das Lernen und sie erwerben eine erste fundamentale Wirtschafts- und Gründungskompetenz.“ (www.nfte.de).

Tatsächlich hat die Wirklichkeit die Einflussnahme durch Werbung, Sponsoring und Spenden längst überholt, wie das Beispiel von NFTE verdeutlicht. Unter den Förderern der US-amerikanischen Mutterorganisation und ihres deutschen Ablegers findet man die Konzerne SAP, Burger King, MasterCard und unzählige weitere finanzstarke Unternehmen. Auch das amerikanische Curriculum wurde weitgehend übernommen, wobei das Schülerbuch an „den speziellen deutschen Bedarf“ angepasst wurde, „um auf die im Vergleich zu den USA viel skeptischere und kritischere Einstellung der Deutschen zum Unternehmertum und auch auf die leider viel weniger ausgeprägte Neigung zu positivem Denken zu reagieren“ (NFTE-Lehrerbegleitheft, S.7).

In geschlossenen Fortbildungsveranstaltungen an einer NFTE University kann man zum Certified Entrepreneurship Teachers (NFTE-CET) ausgebildet werden. Der GEW liegen Anmeldeunterlagen vor, in denen die Schulleitung bereits im Vorfeld bestätigen soll,  „dass sie sich darum bemühen wird, dass der NFTE-Lehrplan mit den dafür von NFTE zur Verfügung gestellten Unterrichtsmaterialien an dieser Schule im kommenden Schuljahr von der dafür ausgebildeten Lehrkraft in einem Umfang von ca. 50 Unterrichtsstunden unterrichtet werden kann“. Ziel ist offenkundig eine exklusive Kontrolle über Inhalte, über die Ausbildung und die curriculare Einbettung in der jeweiligen Schule.

 

Empowerment statt Emanzipation

Geht es nach den Lehrinhalten von NFTE, würden die (Aus)Bildungsinhalte von auf Mündigkeit und Aufklärung zielenden Bildungsprozessen weiter entkoppelt und ausschließlich in Bezug auf ihren ökonomisch-unternehmerischen Mehrwert wahrgenommen. Schülerinnen und Schülern wird nahegelegt, sich solche Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, die ihnen im Rahmen einer auf Konkurrenz und Wettbewerb basierenden Gesellschaft einen Nutzen versprechen. Gefordert werden nicht mehr, wie in den 1960er Jahren, Emanzipation antizipierende, sondern den Arbeitsmarkt antizipierende, ‚empowerte‘ Studierende. Was noch als Bildung bezeichnet wird, wandelt sich infolgedessen in unternehmerisch zu bewirtschaftendes (Sozial)Kapital bzw. Kompetenzen.

 

Landesinstitut kooperiert mit NFTE

Die GEW Hamburg sieht es kritisch, dass nun auch das Landesinstitut ein Pilotprojekt zur Entrepreneurship Education in Kooperation mit NFTE Deutschland e.V. anbietet. Dort heißt es: „Das Wirtschaftswachstum der europäischen Länder ist auf unternehmerische Initiativen angewiesen. Besonders in Deutschland gibt es nur wenige Gründungsinitiativen. Auf nationaler und internationaler Ebene wird deshalb die Entrepreneurship Education als bildungspolitische Aufgabe gesehen. […] Über das ökonomische Interesse hinaus, kann Entrepreneurship Education einen wichtigen Beitrag zum Bildungsauftrag der Schulen leisten. So werden Eigenschaften wie Neugier, Selbstständigkeit, Flexibilität und Kreativität ebenso wie Risikobereitschaft und das Übernehmen von Verantwortung trainiert, die für eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe immer wichtiger werden“ (http://li.hamburg.de/entrepreneurship-education-zsw/).

 

Wirtschaftliche Interessen und demokratische Schule – Handlungsempfehlungen

Die immer vielfältigeren Versuche, den Bildungsauftrag von Schule und die Vorstellungen junger Menschen von der Wirtschaftswelt je nach Eigeninteresse beeinflussen zu wollen, sind aus Sicht der GEW nicht akzeptabel. Dem zunehmenden Lobbyismus und Kommerz an Schulen muss Einhalt geboten werden. Hier sind die Ministerien in die Verantwortung zu nehmen. Wir brauchen eine Schule der Demokratie und nicht eine Schule, die zum Spielfeld für private und wirtschaftliche Interessen gemacht wird.

Zu lange hat die Politik das Problem der zunehmenden Einflussnahme an Schulen ignoriert. Dabei ist die Aufsicht des Staates über das Schulwesen im Grundgesetz verankert. Das Ziel muss daher sein, Lobbyismus und Meinungsmache wieder aus den Klassenzimmern zu drängen. Dabei ist klar, dass LehrerInnen in ihrem Arbeitsalltag häufig auf externes Material für ihren Unterricht zurückgreifen und dies nicht grundsätzlich problematisch ist. Zudem kann man kaum verbieten, dass Unternehmen und Organisationen Texte und Materialien veröffentlichen, die auf Schulen zielen. Es geht also nicht um ein simples Verbot. Vielmehr muss dem Lobbyismus auf unterschiedlichen Ebenen entgegengewirkt werden.

Die Politik muss einen kritischen Umgang mit externen Materialien und Angeboten fördern. Dazu gehört es auch, besonders bedenkliche Praktiken, wie Werbung, intransparente Finanzierung oder Kooperationen, die (finanzielle) Abhängigkeiten schaffen können, zu unterbinden. Zum anderen müssen sich SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen mit der Einflussnahme an Schulen beschäftigen. Lobbyismus im Klassenzimmer wirksam einzudämmen, kann nur dann gelingen, wenn sich alle Betroffenen beteiligen.

Es gilt, den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule im Sinne des Beutelsbacher Konsens zu sichern, so dass Schule ein gleichberechtigter und selbstbewusster Gesellschaftsbereich auf Augenhöhe mit der Wirtschaft und nicht dieser untergeordnet ist.

 

René Scheppler, GEW-Kreisverband Wiesbaden und Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender GEW HamburgBild: Logo NFTE

Weitere Infos zum Thema

„Wirtschaftliche Interessen und demokratische Schule. Wie Unternehmen Einfluss auf Schulen ausüben“, Referat B Bildungspolitik der GEW Hamburg,  www.gew-hamburg.de/themen/bildungspolitik/wirtschaftliche-interessen-und-demokratische-schule

„Alle werden Unternehmer. Das Network For Teaching Entrepreneurship“, René Scheppler, GEW-Kreisverband Wiesbaden, www.gew-hessen.de/news/single-news/alle-werden-unternehmer/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=0060d4e8121c2043f3b2f5c2980701de

Lobbycontrol hat von der GEW unterstützte Handlungsempfehlungen vorgelegt, um Lobbyismus im Schulalltag zu erkennen und zu verhindern, www.lobbycontrol.de

Weitere Informationen zu NFTE Deutschland e.V.: www.nfte.de

Bild: Logo NFTE, www.nfte.de