GEW Hamburg

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
Foto mit GEW-Logo

Plan der Schulbehörde, Lehrermangel durch Studierende und Lehraufträge zu bekämpfen, schadet Unterrichtsqualität

Geschrieben von: 
Webredaktion
Thema: 
Schule
Anfragen legen Taschenspielertricks des Senators offen
Foto: S. Hofschlaeger / www.pixelio.de

Zwei neue schriftliche kleine Anfragen beim Schulsenator zeigen, dass der Plan der Schulbehörde, durch Studierende und Lehraufträge den Lehrermangel in Hamburg zu bekämpfen, große Gefahren für die Unterrichtsqualität birgt (DS 21/15777 und DS 21/15980).

Die aktuellen Zulassungszahlen zum Vorbereitungsdienst zeigen, dass im neuen Punktesystem Lehraufträge ein überaus wichtiger Faktor für die Zulassung sind. Der Schulsenator behauptet zwar, dass die Quote von 35,1% an Zugelassenen mit Notenmittelwerten bis 1,4 zeige, dass nun im Gegensatz zu früher endlich auch AbsolventInnen aufgenommen werden, die nur knapp unterhalb der Bestnote ihr Studium abgeschlossen haben. Im letzten Durchgang lag dieser Wert nämlich lediglich bei 28,4%. Der Schulsenator nutzt hier allerdings einen Taschenspielertrick: Betrachtet man nicht nur den letzten Jahrgang des alten Systems, sondern alle Jahrgänge bis 08/2013, zeigt sich folgendes: Der Wert von 35% ist der zweitniedrigste – mit Ausnahme des Jahrgangs 08/2018 liegt er in allen Jahrgängen höher, 08/2014 und 02/2015 sogar bei 47,7%.

„Damit zeigt sich, dass die Behauptung der Behörde nicht haltbar ist. Es ist vielmehr zu befürchten, dass das neue Punktesystem vor allem denjenigen zum Vorbereitungsdienst verhilft, die während des Studiums schon viele Lehraufträge in der Schule absolvieren. Die Gefahr ist groß, dass sich Studierende unreflektiert Praxisroutinen aneignen, die sie später kaum wieder ablegen können. 

Die GEW hat bereits vor einem Jahr gewarnt: Das neue Zulassungssystem belohnt Lehraufträge zu stark und setzt falsche Anreize für Studierende“, kommentiert Anja Bensinger-Stolze, Vorsitzende der GEW Hamburg.

Diese Problematik wird auch von Seite der Universität so gesehen, wie ein Offener Brief der Fakultät für Erziehungswissenschaft vom 22. Februar 2019 mit dem Titel „Falsche Anreize – Boni für frühe Schulpraxis in der Berwerber/innenwahl für den Vorbereitungsdienst gefährden Errungenschaften der akademischen Lehrer/innenbildung (gerade) in Hamburg und untergraben laufende Innovationen in Richtung auf Qualitätsentwicklung und Nachhaltigkeit“ an den Schulsenator zeigt.

Welch großen Anteil Lehraufträge in der Unterrichtsversorgung Hamburger Schulen spielen, zeigen die Zahlen der zweiten Anfrage:

In Hamburg übernehmen 1688 Personen Lehraufträge und stopfen so die Lücken, die der Lehrermangel in Hamburg aufreißt. Auch hier geht der Senator kreativ mit den vorliegenden Zahlen um, wenn er den Anteil der Lehraufträge als VZÄ berechnet und Personen nicht mitrechnet, die höchstens 10 Stunden unterrichten – Personen mit Lehrauftrag übernehmen ohnehin nur anteilige Stellen und insbesondere Studierende dürfen geringe Stundengrenzen gar nicht überschreiten, um nicht aus der studentischen Versicherung herauszufallen.

Auffällig ist, dass die Behörde vorgibt, keine Informationen über die besonders häufig von Lehraufträgen abgedeckte Fächer zu haben. Die Erfahrungen aus den Schulen zeigen jedoch, dass es sich hier häufig um Mangelfächer wie Physik oder Theater handelt. Außerdem machen Berichte von KollegInnen deutlich, dass beispielsweise gerade in Grundschulen auch Unterricht wie Deutsch und Mathe betroffen ist – also der besonders wichtige Anfangsunterricht. Dieser wird aber an vielen Schulen von Studierenden geleistet – manche davon sind erst in den frühen Semestern des Bachelorstudiums, andere Beschäftigte haben nicht einmal eine Lehramtsqualifikation. Sie sind insbesondere an Stadtteilschulen (216 Personen) beschäftigt.

Die Behörde übernimmt jedoch keinerlei Verantwortung für Weiterbildung und Qualifikation dieser Lehraufträge und lässt die Schulen mit der Qualitätssicherung allein. Auch die Betreuung durch AusbildungskoordinatorInnen o.Ä. kann nicht gewährleistet werden, da diese die Betreuung extra übernehmen müssten, ohne dafür zeitliche Entlastung zu erhalten. Der Schulsenator muss hier Geld in die Hand nehmen, sodass Schulen den Studierenden MentorInnen zur Verfügung stellen können. Dabei erscheint eine Orientierung an der Berufseinstiegsphase (BEP) sinnvoll, um die Unterrichtsqualität und die Qualifizierung der Lehraufträge sicherzustellen.

Foto: S. Hofschlaeger / www.pixelio.de