Die GEW fordert angesichts der heute veröffentlichten Ergebnisse der PISA-Studie 2025 ein radikales Umsteuern der Bildungspolitik. Vor allem beim Thema Bildungsgerechtigkeit stellt die Studie Deutschland ein verheerendes Zeugnis aus. So liegt der Abstand zwischen begünstigten und benachteiligten Jugendlichen in den Naturwissenschaften mit 125 Punkten weit über dem OECD-Schnitt von 85 Punkten. Der sozioökonomische Hintergrund erklärt in Deutschland 19 Prozent der Unterschiede in der naturwissenschaftlichen Leistung. Damit liegt der Wert knapp zwei Drittel über dem OECD-Durchschnitt von 11,6 Prozent. Nur fünf der 90 erfassten Länder schneiden noch schlechter ab.
„Ein Vierteljahrhundert PISA-Maßnahmen haben unterm Strich nichts gebracht“, kommentiert Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstandsmitglied für den Bereich Schule, die Ergebnisse. Nach 25 Jahren hänge der Bildungserfolg in Deutschland immer noch so stark vom Elternhaus ab, wie in kaum einem anderen Land. „Es ist ein handfester Skandal, dass wir in Deutschland nach wie vor solche Probleme mit Chancenungleichheit und Bildungsungerechtigkeit haben. Allen Erhebungen und dem Herumdoktern der Politik zum Trotz trägt das Schulsystem quasi nichts dazu bei, die starke Verknüpfung von Bildung und sozialem Hintergrund abzumildern. Im Gegenteil: Es zementiert und verstärkt sie sogar.“
Nach dem „PISA-Schock“ 2001 wurde Bildungsqualität vor allem über Standards, Tests und Vergleiche definiert, kritisiert Bensinger-Stolze. Das ging vor allem zulasten pädagogischer Vielfalt, sozialer Ziele sowie guter Lern- und Arbeitsbedingungen. „Finanzielle und personelle Probleme wurden über viele Jahre verschleppt. Die dramatischen Folgen sehen wir heute an allen Schulen: Personalmangel, Überlastung und eine eklatante Vernachlässigung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes.“
Jetzt sei die Zeit, umzudenken und andere Steuerungsmöglichkeiten sowie bereits vorhandene Daten und Forschungen verstärkt zu nutzen. „Stattdessen setzt die Politik weiterhin auf ein verkürztes, technokratisches Qualitätsverständnis und fordert noch mehr Daten, noch mehr Diagnosen, noch mehr Tests. Aber bessere und mehr Daten bedeuten nicht automatisch bessere Bildung“, stellt die GEW-Schulexpertin klar. „Die datengestützte Steuerung und Entwicklung von Schulen wirkt wie die letzte Rettungsboje der Politik im Abwärtstrend, um Handlungsfähigkeit behaupten zu können.“
Junge Menschen und Schulen bräuchten endlich konkrete Hilfen und Unterstützung, fordert Bensinger-Stolze. Beispiele seien die Inklusion, die individuelle Förderung von Kindern und jungen Menschen, aber auch Themen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. „Lehrkräfte sind offen für Digitalisierung. Unter dem Strich wird der Fokus bisher zu einseitig auf das Lernen mit KI gelegt. Das Lernen über KI kommt deutlich zu kurz.“
Die GEW schlägt einen Masterplan gegen Bildungsarmut und soziale Ungerechtigkeit vor. „Was in Deutschland fehlt, ist eine inklusive Gesamtstrategie, die Schulleistungen, Professionalisierung, Chancengleichheit, das Wohlbefinden von Lernenden und Lehrenden und nicht zuletzt ‚gute Arbeit‘ miteinander verzahnt“, so die GEW-Vorständin. Dazu gehörten neben strukturellen Maßnahmen mehr und wirksamere Unterstützung aller Kinder ebenso wie bessere Lern- und Arbeitsbedingungen an Schulen sowie deutlich bessere Bildungsfinanzierung. Das an sich sinnvolle Startchancenprogramm bleibt ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn es nicht verstetigt und Teil des Systems wird – und zwar nicht als datengetriebenes, sondern als inklusives Strategieprojekt.
„Das gesamte Schulwesen gehört mittlerweile auf den Prüfstand, spätestens nach diesem PISA-Bildungsarmutszeugnis“, fordert Bensinger-Stolze. „Wäre unsere Bildungspolitik jetzt wie die PISA-Studie 25 Jahre alt und hätte unser Bildungssystem durchlaufen, wäre sie heute ohne Abschluss und arbeitslos“, fasst sie die Situation zusammen.
Foto: Günther Gumhold / pixelio.de
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