„Demokratiebildung findet in den Schulen zu spät, zu wenig und vor allem kaum auf den Unterricht und die Schule selbst bezogen statt. Wenn rund die Hälfte der Lehrkräfte sagt, dass an ihrer Schule mehr für Demokratiebildung getan werden sollte und fast drei Viertel als Haupthindernis hierfür die fehlende Zeit nennen, lautet das Gebot der Stunde: ‚mehr Zeit für Demokratie‘“, sagte Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), mit Blick auf die Ergebnisse des heute vorgestellten Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung.
Angesichts der politischen Entwicklung müsse Demokratiebildung zum Top-Thema der Schulpolitik werden. Nicht nur, um Rechtsextremismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Fake-News zu begegnen, sondern allein schon, um Frust und Konflikten in der Schule vorzubeugen. „Demokratie will nicht nur gelernt sein, sie muss auch gelebt werden. Kinder und junge Menschen müssen stark gemacht werden. Sie sollen erfahren, dass ihr Wort etwas zählt und ihr Tun etwas bewegt“, erläuterte Bensinger-Stolze.
Das sei im Kleinen wie im Großen nötig, vom regelmäßigen Feedback im Unterricht bis zur paritätischen Vertretung der Schülerinnen und Schüler in der Schulkonferenz. „Auch die Rahmenbedingungen müssen bedacht werden: Demokratiebildung braucht eine stärkere Verankerung in den Lehrplänen, mehr schulische Ressourcen und Räume sowie personelle Unterstützung für eine demokratische Schulentwicklung“, betonte das GEW-Vorstandsmitglied.
„Lehrkräfte tragen zudem die besondere Verantwortung, eine demokratische Haltung im Unterricht zu vermitteln. Besonders alarmierend ist der Befund, dass 27 Prozent der Lehrkräfte glauben, sie dürften im Unterricht keine politischen Themen ansprechen, um neutral zu bleiben. Hier braucht es Unterstützung und Aufklärung“, sagte Bensinger-Stolze. „Deshalb unterstützt die GEW die Bündniskampagne ‚Schule zeigt Haltung‘ und die Forderungen der gleichnamigen Petition.“
Mit Blick auf die besorgniserregenden Ergebnisse zu „herausforderndem Verhalten“ und den psychischen Problemen der Schülerinnen und Schüler wie auch zu den Belastungen der Lehrkräfte machte sich Bensinger-Stolze für „gesunde Schulen“ stark. „Das Wohlbefinden der Lehrenden und Lernenden wie auch die Arbeitsbedingungen müssen endlich zu Kriterien für Schulqualität werden“, betonte sie. „Knapp ein Viertel der Lehrkräfte fühlt sich mehrfach in der Woche erschöpft, weitere zwölf Prozent empfinden das sogar täglich.“ Die gesundheitlichen Risiken sind nicht nur angesichts des eklatanten Lehrkräftemangels alarmierend. Der Dienstherr muss endlich seine gesetzliche Pflicht einlösen und flächendeckend Gefährdungsbeurteilungen durchführen. „Wir brauchen deutlich mehr Zeit im Schulalltag, also die Senkung der Unterrichtsverpflichtung sowie eine deutlich bessere personelle Ausstattung mit Lehrkräften, Erzieherinnen, Schulsozialarbeitern und -psychologen und nicht zuletzt Verwaltungspersonal. So wird mehr pädagogische Arbeit möglich“, hob die Schulexpertin hervor.
„Die Ergebnisse des Schulbarometers zeigen, dass sich Lehrkräfte einerseits schnell auf technologische Neuerungen einstellen, diese ausprobieren und sich gerne fortbilden“, sagte Bensinger-Stolze. „Andererseits sind sehr viele Lehrkräfte aber auch zu Recht mit Blick auf die Folgen verstärkter Nutzung von KI-Tools im Unterricht skeptisch.“ Die Politik müsse öfter auf die pädagogische Expertise der Lehrkräfte hören. Bereits jetzt bestätigten erste Studien, dass etwa das kritische Denken negativ beeinträchtigt werde. Auch gebe es zu viele Anwendungen, die pädagogisch und datenschutzrechtlich bedenklich sind. „Lehrkräfte sind offen für Digitalisierung und auch für KI-Tools. Sie schauen aber sehr genau hin, ob sie sich im rechtssicheren Raum bewegen, welchen pädagogischen Gewinn KI bringt und ob sich die Qualität des Lernens verbessert. Lehrkräfte achten nicht zuletzt darauf, ob KI ihre Arbeit unterstützt oder eher verdichtet“, sagte Bensinger-Stolze. „KI sollte weder überhastet noch zu früh eingeführt werden.“ Bereits 2024 hatte die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK) vor einem Einsatz etwa in der Primarstufe gewarnt. Hier gehe es in erster Linie darum, systematisch basale Lese- und Schreibkompetenzen aufzubauen. „Unter dem Strich wird der Fokus bisher zu einseitig auf das Lernen mit KI gelegt. Das Lernen über KI kommt – sowohl im Unterricht als auch in der Aus- und Fortbildung – deutlich zu kurz. Eine souveräne Mediennutzug braucht mehr als Anwendungskompetenz. Das gilt für Lernende und Lehrende gleichermaßen“, unterstrich das GEW-Vorstandsmitglied.
Info: Fast die Hälfte der Lehrkräfte fühlt sich laut Schulbarometer im Umgang mit KI-Tools inzwischen eher sicher oder sehr sicher. Die Lehrerinnen und Lehrer nutzen diese zum Beispiel zur Unterrichtsvorbereitung und um Materialien zu erstellen. 59 Prozent der Lehrkräfte versprechen sich sehr positive oder eher positive Effekte bei der individuellen Lernunterstützung der Schülerinnen und Schüler durch KI-Tools. Bis zu zwei Drittel der Lehrkräfte erwarten jedoch negative Auswirkungen durch den Einsatz von KI-Tools etwa bei Schreib- und Sprachkompetenz (57 Prozent), Problemlösefähigkeit (62 Prozent), kritischem Denken (67 Prozent) sowie sozialen und kommunikativen Fähigkeiten (67 Prozent).
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