Dieses Interview mit Amrey Depenau, Lehrerin an einer beruflichen Schule in Hamburg mit höherer Handelsschule und beruflichem Gymnasium und engagiert bei der Gewerkschaft GEW im Bereich Digitale Bildung, führte Birk Grüling für das Onlineportal t-online - wir danken für die Genehmigung zur Zweitverwertung!
"Ich habe Sorge, dass Schüler das eigene Denken verlernen"
Die meisten Schüler nutzen ihre Handys auch im Unterricht. Einheitliche Regeln oder Verbote gibt es im Norden nicht. Eine Hamburger Lehrerin erklärt, wie sie mit Smartphones umgeht. Im November stellten die Bildungsministerien von Niedersachsen und Hamburg eine gemeinsame Empfehlung zur Smartphone-Nutzung an Schulen vor. Klare Vorgaben sucht man dabei vergebens, stattdessen setzen die Bundesländer auf die Eigenverantwortlichkeit der Schulen. Amrey Depenau ist Lehrerin an einer beruflichen Schule in Hamburg. Sie beobachtet, dass die Nutzung von Smartphones negative Auswirkungen auf die Konzentration und das Lernen hat – aber nicht nur. Im Interview mit der t-online-Redaktion Hamburg berichtet sie von ihrem Umgang mit Handys im Unterricht.
t-online: Gibt es an Ihrer Schule Handyregeln?
Amrey Depenau: Ja, wie an den meisten Hamburger Schulen haben auch wir grundsätzliche Handyregeln. Bei uns dürfen mobile Endgeräte während der Unterrichtszeit nur für schulische Zwecke und mit Erlaubnis der Lehrkräfte genutzt werden. Wie streng dieser Grundsatz ausgelegt wird, ist aber jeder Lehrkraft selbst überlassen. Allerdings ist unsere Schülerschaft schon älter, manchmal sogar volljährig. Ein generelles Handyverbot, wie es für Grundschulen sinnvoll ist, kann es deshalb kaum geben.
Welche Regeln haben Sie persönlich für Ihre Lerngruppen aufgestellt?
Für mich ist es mittlerweile relativ normal, dass meine Klasse oder mein Kurs die Smartphones ständig griffbereit hat. Wie gesagt, die Schülerinnen und Schüler sind überwiegend 18 Jahre alt. Ich muss vor allem an ihre Selbstverantwortung appellieren. Aber grundsätzlich bin ich da eher entspannt. Wenn eine Aufgabe gut bearbeitet wurde und andere noch länger brauchen, warum sollten sie nicht mal kurz aufs Handy schauen oder Nachrichten beantworten? Natürlich darf dabei niemand gestört werden, also Ton aus, kein Brummen oder Klingeln, sonst gibt es Ärger. Ebenso, wenn nebenbei schnell der Messenger gecheckt wird und die Aufmerksamkeit leidet. Ich weiß aber auch, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen das strenger handhaben.
Welche strengeren Regeln gibt es zum Beispiel?
Das Handy-Hotel ist eine Möglichkeit, in das alle Smartphones während des Unterrichts einchecken müssen. Das ist dann sinnvoll und nötig, wenn die Nutzung sonst ausufert. Die Schülerinnen und Schüler reagieren darauf in der Regel eher positiv. Sie empfinden die Smartphone-freie Zeit manchmal sogar als Entlastung.
Wie gehen die Schülerinnen und Schüler mit den Spielregeln um?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die sehr konzentriert arbeiten und ihre Handys einfach in der Tasche lassen oder mit dem Display nach unten auf den Tisch legen. Anderen fällt es unglaublich schwer, die Nachrichtenflut auch nur für eine Viertelstunde zu ignorieren. Wenn man bei manchen Schülern vorbeigeht und aufs Display schaut, dann haben die in zehn Minuten zehn verschiedene Nachrichten aus Snapchat, TikTok und so weiter bekommen. Wenn ich merke, dass das zu viel wird, müssen sie das Handy umdrehen.
Verändert das Smartphone das Lernklima in Ihrem Klassenzimmer?
Ich beobachte, dass die Konzentration bei vielen Jugendlichen nachgelassen hat, bei den jungen Männern deutlich stärker als bei den Frauen. Manche können sich kaum länger als fünf Minuten auf eine Sache konzentrieren. Die Smartphones haben dabei eine verstärkende Wirkung. Immerhin sind sie der kürzeste Weg zur kurzweiligen Ablenkung durch TikTok und Co.
Wie ist es in den Pausen?
Es wird mehr geredet, als man erwarten würde. Oft gehen die Schülerinnen und Schüler gemeinsam raus, zum Supermarkt um die Ecke beispielsweise. Das ist gut für das Klassenklima. Vielleicht wäre es anders, wenn sie im Unterricht keine Nachrichten lesen dürften. Dann bestünde ein größerer Druck, alles in den Pausen abzuarbeiten.
Werden Smartphones auch zum Lernen genutzt?
Ja, sehr intensiv sogar. Ich unterrichte zum Beispiel Spanisch im Anfangsunterricht. Meine Schülerinnen und Schüler lernen mit Apps wie Quizlet Vokabeln oder dürfen Übersetzungs-Apps wie DeepL benutzen. So können sie leichter anspruchsvolle Texte lesen oder Vokabeln nachschlagen. Die Beteiligung am Unterricht fällt so auch leichter. Im Wirtschaftsunterricht schauen sie auch mal Fachbegriffe bei Wikipedia nach. In diesem Rahmen ist das Smartphone im Unterricht eine große Bereicherung. Leider benutzen manche den Übersetzer viel zu schnell. Statt nur einzelne Worte nachzuschlagen, übersetzen sie gleich ganze Texte. Der Lerneffekt ist dann gleich null. Gleiches gilt auch für ChatGPT. Sie stellen dort alle Fragen und übernehmen die Antworten einfach. Das ist fatal.
Wieso?
Ich habe die Sorge, dass die Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Denken verlernen. Bei jeder Frage wird sofort das Handy gezückt und jede Kleinigkeit nachgeschaut. Dabei wäre es doch sinnvoll, das eigene Gehirn anzustrengen und zu überlegen, ob man auch selbst auf eine Lösung kommen könnte. Diese Bequemlichkeit macht mir Sorgen, unser Gehirn ist schließlich wie ein Muskel. Wenn es nicht trainiert wird, ist es schwerer zu lernen und sich Dinge zu merken.
Ist das Handy auch in Prüfungen erlaubt?
Nur in allergrößten Notfällen als Taschenrechner, wenn sie ihren eigenen vergessen haben. Dann muss aber das Internet ausgeschaltet werden, zum Beispiel über den Flugmodus. Digitale Arbeiten schreiben wir auf schuleigenen Geräten. Was wir häufiger erleben, ist die Nutzung von ChatGPT unter dem Tisch als Art digitaler Spickzettel in der Klausur. Dafür haben sich manche Schüler sogar ein Zweithandy zugelegt. Das ist natürlich verboten. Wer erwischt wird, bekommt gleich eine Sechs.
Die Bildungsministerien von Niedersachsen und Hamburg lassen in der gemeinsamen Empfehlung zur Smartphone-Nutzung den Schulen große Freiheiten. Wären einheitliche, deutliche Vorgaben wie in anderen Bundesländern vielleicht doch sinnvoller?
Diese Empfehlungen fassen im Prinzip nur zusammen, wie der Stand ist, und sagen: Ihr müsst euch was überlegen. Ich persönlich wäre eher Fan von klaren Vorgaben. Hamburg-weite Regelungen wie "Das Handy bleibt im Unterricht in der Tasche oder im Handy-Hotel" würden Verbindlichkeit gegenüber Schülerschaft und Eltern schaffen und die Lehrkräfte deutlich entlasten. So muss sich jetzt jede Schule etwas Eigenes ausdenken.
Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg empfiehlt explizit, keine Handys an Grundschulen zu erlauben. Ist das sinnvoll?
Auf jeden Fall. In der Grundschule werden die Weichen für die digitalen Kompetenzen gestellt. Was wir an weiterführenden Schulen erleben, sind gewissermaßen die Ergebnisse der fehlenden Medienpädagogik. Gleichzeitig sehe ich jeden Morgen in der Bahn Kinder im Grundschulalter, die ganz selbstverständlich neue iPhones nutzen. Warum müssen Grundschulkinder überhaupt ein Handy haben? Das hält sie doch davon ab, sich mit der Welt zu beschäftigen.
Neben klaren Smartphone-Regeln wird auch über mehr Medienpädagogik diskutiert. Wie realistisch lässt sich das umsetzen?
Das wäre unglaublich wichtig. Ein großes Thema ist in meinem Unterricht die KI-Nutzung. Ich will und kann sie nicht verbieten, dafür aber kritisches Reflektieren dazu in den Unterricht einbauen. Allerdings stoße ich dabei schnell an Grenzen. Es fehlt schlicht die Zeit im Unterricht und die Freiheit im Lehrplan. Auch personell haben wir keine zusätzlichen medienpädagogischen Ressourcen. Also muss wieder jede Lehrkraft für sich zusehen, wo sich solche Themen einbauen lassen.
- Amrey Depenau ist Lehrerin an einer beruflichen Schule in Hamburg mit höherer Handelsschule und beruflichem Gymnasium und engagiert sich bei der Gewerkschaft GEW im Bereich Digitale Bildung.

