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Weniger ist nicht immer mehr

Geschrieben von: 
Webredaktion
Foto:  Kitakind, GEW Bund

„Weniger ist mehr“, ist eines der Grundprinzipien in einer Kita: weniger Spielsachen, weniger Möbel, dafür mehr Platz für eigene Kreativität. „Weniger ist mehr“ gilt allerdings nicht für die Größe der Räume, denn gerade die Kleinsten brauchen Platz – zum Spielen, zum Toben. Durchschnittlich 2,5 bis drei Quadratmeter Innenraum steht einem Kita-Kind in Deutschland zur Verfügung. Zu wenig nach Meinung von Experten.

In der Kita Berkenbrücker Steig im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen brauchen die 150 Kinder besonders viel Platz: Die Einrichtung, die sich in der Trägerschaft der „Kinder in Bewegung“ gGmbH (KiB) befindet, ist eine sportbetonte Kita. In allen Räumen laden Spielgeräte dazu ein, die Motorik zu schulen. Es gibt Drehscheiben, Klettergerüste, Balanciermöglichkeiten, aber selbstverständlich auch Bauräume und eine kleine Theaterbühne. Sitzmöbel, Regale und Schränke sind mit Symbolen versehen und entsprechend beschriftet. „Die Kinder lernen so ganz spielerisch, einzelne Wörter zu lesen“, sagt die Leiterin der Kita, Birgit Schmieder (57). Im Bauraum werden Burgen errichtet – und das nicht nur aus Holzsteinen, sondern auch aus Alltagsmaterialien, z. B. gebrauchten Joghurtbechern.

Für die Direktorin des Berliner Kita-Instituts für Qualitätsentwicklung (BeKi), Christa Preissing, erfüllt die Beschriftung der Räume und Gegenstände noch einen anderen Zweck: Sie vermittelt gerade den Kleinsten Orientierung und Sicherheit. „Die Kinder müssen wissen, wo sie etwas finden können.“ Das Schwierigste sei, so Preissing, in einer Einrichtung die Balance zwischen dem Bedürfnis nach Bewegung und dem nach Ruhe herzustellen. „Kinder wollen auch mal unbeobachtet von Erwachsenen sein.“ Wichtig sei zudem, in der Kita Gegenerfahrungen zur Reizüberflutung der Medien zu bieten. Das alles ist im Berliner Bildungsprogramm für Kitas festgehalten, in dem der Senat Richtlinien für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen erlassen hat. Es soll dem pädagogischen Personal in den Einrichtungen helfen, Kinder möglichst gut zu fördern. „Der Raum ist nach den beiden pädagogischen Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeitern einer Kita-Gruppe der dritte Erzieher“, sagt Preissing, die maßgeblich an dem Rahmenplan mitgewirkt hat. Wichtig sei zudem, so die Wissenschaftlerin weiter, dass sich die Kinder an der Raumgestaltung beteiligen können, d. h. die Räume müssen so flexibel ausgestattet sein, dass sie nach den Wünschen und Vorstellungen der Kinder umgestaltet werden können.

 

Nicht immer optimal

Nicht immer bietet die Architektur der Gebäude dafür optimale Voraussetzungen. Die Kita Berkenbrücker Steig beispielsweise ist in den 1970er-Jahren errichtet worden und hat, wie alle in der DDR gebauten Kindertagesstätten, einen Grundriss, der vor allem funktionsgerecht sein sollte. Aber auch solche Häuser ließen sich, wie Preissing betont, mit dem nötigen Willen umgestalten. Als die KiB gGmbH 2005 die Kita vom Bezirk Lichtenberg-Hohenschönhausen übernahm, wurden Wände herausgerissen, Türen vergrößert, Hochebenen eingebaut.

Auch GEW-Kita-Experte Norbert Hocke kritisiert, dass die Architektur den Gestaltungswünschen der Erzieherinnen und Erzieher immer wieder Grenzen setze. Bei Neubauten fehle es zudem an bundeseinheitlichen Regeln für Architekten. Die Raumkapazitäten in den Ballungsräumen seien zudem sehr begrenzt; vielfach stünden in den Innenstädten nur kleine Räume zur Verfügung. So sehe das Berliner Kita-Gesetz für jedes Kind einen Platzbedarf von lediglich drei Quadratmetern vor. Sicherlich seien architektonische Vorgaben nicht immer optimal für eine gute Pädagogik in der Kita, gibt Wissenschaftlerin Preissing zu. „Sind die Räume zu klein, hilft nur eines: Rausgehen in die Natur – auf den Spielplatz, in den Wald, in den Park.“

 

Platzprobleme

Mit dem Platzproblem ist auch die Kita Pestalozzistraße des Vereins Pestalozzi- Fröbel-Haus in Berlin-Charlottenburg konfrontiert. Raum war in dem innerstädtischen Stadtteil schon immer knapp, Spielflächen für Kinder gibt es viel zu wenige. Den Standort in einer Wohnstraße hat die Kita bereits in den 1950er-Jahren bezogen. Heute verteilen sich dort in einem Gebäude aus der Gründerzeit 94 Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren auf vier Etagen. Eine Architektur, die Grenzen setze und Phantasie bei der Raumgestaltung erfordere, wie Mandy Schulze betont. Die 41-Jährige leitet die Kita seit 2012 und eine ihrer ersten Amtshandlungen war es, Räume umzugestalten. Zum Beispiel verlegte sie den Kreativraum, das sogenannte Atelier, vom ersten ins dritte Obergeschoss, weil die Zimmer dort viel heller sind; ein zweiter Bewegungsraum wurde eingerichtet, blickdichte Türen durch Glastüren ersetzt, die mehr Licht in die Zimmer lassen. „Wir verzichteten auf so viele Möbel wie möglich“, erzählt Schulze.

Optimaler sind die Voraussetzungen in der Kita Inselkinder im Berliner Innenstadtbezirk Friedrichshain. Doch nur auf den ersten Blick. Die Kita wurde in den 1990er-Jahren als kommunale Einrichtung auf einer Halbinsel an der Spree errichtet; die Landschaft rund um das mehrstöckige Gebäude ist von viel Grün geprägt. Seit elf Jahren ist die Kita in der Trägerschaft der Fröbel-Gruppe, einer gemeinnützigen GmbH.

Der Platz ist für die 175 Kinder der Kita dennoch knapp bemessen, denn sie ist nur von einem schmalen Außengelände umgeben. Im Garten vor dem Haus, erläutert Kita-Leiterin Eleonore Zenthoefer, spielen deshalb in der Regel nur die Drei- bis Sechsjährigen. Zwei öffentliche Spielplätze gibt es in der Nähe, einer davon grenzt sogar direkt an die Kita an. Doch diesen können Zenthoefer und ihre 26 Kolleginnen mit den Kindern nur an den Vormittagen nutzen. Am Nachmittag, wenn die Kinder aus der Schule kommen, ist der Spielplatz voll, es herrscht ein reges Kommen und Gehen und in Steinwurfweite ist das ungesicherte Ufer der Spree. „Das Risiko ist zu groß, dass etwas passiert“, sagt die 61-Jährige. Zudem wurden viele Grünflächen im Stadtteil in den vergangenen Jahren zugebaut. Um Platz zum Spielen und Toben für die Ein- bis Zweijährigen zu schaffen, hat man deshalb die Dachterrassen im ersten und zweiten Stock zu Außenspielplätzen umfunktioniert.

Pädagogisch vorbildlich sind nach Zenthoefers Worten die Bedingungen im Inneren des Gebäudes. Die thematisch gegliederten Räume sind auf jeder der drei Etagen durch Schiebetüren abgetrennt. Diese ermöglichten es, die Räume zu vergrößern, aber ebenso zu verkleinern, wenn die Kinder sich zurückziehen wollen, erläutert die Kita-Leiterin. „Weniger ist mehr“, betont Zenthoefer, das gelte auch für die Spiel- und Lernmaterialien. „Ein Raum voller Spielzeug überfordert die Kinder“, sagt sie.

Am Berliner Stadtrand profitiert die Kita Berkenbrücker Steig von dem zur Einrichtung gehörenden rund 5 000 Quadratmeter großen Garten. Noch sehe dieser für den pädagogisch geschulten Blick wenig einladend aus, weiß Kita-Leiterin Schmieder. Die Szenerie wird von Reckstangen, Schaukeln und verschalten Sandkästen bestimmt. Doch auf der Wiese hat sie schon einen riesigen Baumstamm zum Klettern ablegen lassen. „Das ist erst der Anfang“, erklärt sie. Bald schon soll das Areal in ein naturnahes Außengelände mit kleinen Hügeln und Büschen verwandelt werden – gemeinsam mit den Eltern und Kindern –, in denen die Mädchen und Jungen Verstecken spielen können.

 

Jürgen Amendt, Redakteur „neues deutschland“ 

Foto:  Kitakind, GEW Bund

Der Artikel erschien in der E&W 09/2016