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Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
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Schweden - Zurück aus der Zukunft?

Geschrieben von: 
Webredaktion
Es gibt weder ein Pflichtstundenmodell noch eine Gehaltstabelle für Lehrkräfte
Foto: Roland Kasprzak

In Schweden gibt es im Bildungsbereich zwei Gewerkschaften, den Lärarnas Riksförbund (LR) und den Lärarförbundet (LF). Diese Zweiteilung ergibt sich aus den historisch gewachsenen Zielgruppen der Gewerkschaften und deren Mitgliedschaft in den verschiedenen Gewerkschaftsbünden, die jeweils Arbeiter_innen, Angestellte und Akademiker_innen organisieren. Der LR ist Teil der Akademikergewerkschaften. Das kann man schnell als reine Standesorganisation abtun, der LR ist aber eine Gewerkschaft entsprechend der regionalen Besonderheiten. Den Schweden ist das DGB-Prinzip „ein Betrieb, eine Gewerkschaft“ eher fremd. Das schwedische Wort für Gewerkschaft fackförbund, d.h. Fachverband, ist Programm: ausgeübter Beruf bzw. Anstellungsverhältnis entscheiden über die zuständige Gewerkschaft. Der LR organisiert nur zwei Berufsgruppen: Lehrkräfte mit einem Hochschulexamen und Berufsorientierer, deren akademische Ausbildung auch mit einem Hochschulexamen abschließt. Der LF organisiert Erzieher_innen, Sozialpädagog_innen, verschiedene Lehrkräfte einschließlich Quereinsteiger_ innen und teilqualifizierte Lehrkräfte sowie Rektor_ innen.

Der LR ist die kleinere Gewerkschaft, hat aber seit 1996 ein erstaunliches Wachstum gezeigt, von 45.000 Mitgliedern auf heute fast 90.000. Insgesamt sind ca. 70 bis 75% der schwedischen Lehrkräfte Mitglied einer Gewerkschaft.

 

Die Schulsteuerung in Schweden

Das schwedische Bildungssystem hat bisher einen ebenso guten Ruf, wie die schwedische Gesellschaft vielen als vorbildlich gilt. Die Bewertung des Bildungssystems zehrt allerdings stark von der Vergangenheit. In den Vergleichstests wie TIMS und PISA hat Schweden in den letzten Jahren gegenüber anderen Staaten verloren. Der LR führt dieses auf die aktuelle Art der Finanzierung zurück.

Der schwedische Staat stattet jede_n Schüler_in mit einem bestimmten Geldbetrag aus, der an die Kommunen überwiesen wird. Die Kommunen sollen dieses Geld für die Schüler_innen verwenden, die Maßgabe wird aber von den Kommunen recht weit ausgelegt. So könnte eine Kommune auch eine Eishockeyhalle bauen, in der Schüler_ innen Sportunterricht haben und dafür einen Teil des Geldes verwenden! Es kommt nicht das gesamte Geld bei den Schüler_ innen an; das gilt wohl insbesondere bei ärmeren Kommunen.

Die fehlende Zweckbindung wird deutlich vom LR kritisiert. Er fordert außerdem ein Durchgriffsrecht des Staates, um die Zweckbindung durchzusetzen. Die Kritik des LR an dem System ist nicht neu, sondern bestand von Anfang an. Der LR hat sogar gegen dieses System gestreikt, während der LF damals dafür war. Es ist festzuhalten: in Deutschland würde das als unzulässiger, politischer Streik bewertet.

Jede_r Schüler_in bringt einen finanziellen Rucksack mit an die Schule. Über diesen verfügt die Schulleitung und kann in einem definierten Rahmen frei gestalten. Das bedeutet, dass es keine Vorfestlegung über die Anzahl der Lehrkräftestellen, die Bücherausstattung uam. gibt. Allerdings gibt es wie in Deutschland eine Mindeststundenzahl für den Unterricht der Schüler_innen. Mit dem Haushaltsplan legt die Schulleitung die Anzahl der Beschäftigten und die Schulausstattung fest. 

 

Die Begehrlichkeiten einiger Privatschulen

Der finanzielle Rucksack der Schüler_innen steht auch den privaten Schulen zu. Diese lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Auf der einen Seite stehen die Privatschulen, die von Vereinen und Stiftungen betrieben werden. An diesen Schulen fließt das staatliche Geld vollständig in den Schulbetrieb. Auf der anderen Seite stehen die gewinnorientierten Privatschulen. An diesen Schulen werden staatliche, bildungsbezogene Steuermittel in private Gewinne umgewandelt! Erstere Privatschulen sieht der LR als positive Herausforderung im Wettbewerb mit den öffentlichen Schulen. Zweitere Privatschulen lehnt der LR vollständig ab.

 

Lehrkräftearbeitszeit

An den öffentlichen Schulen Schwedens gilt nahezu die gleiche Lehrkräfte-Jahresarbeitszeit wie in Hamburg: 1767 Stunden. Daraus ergibt sich eine erhöhte wöchentliche Arbeitszeit von durchschnittlich 45 Stunden. 407 Jahresstunden sind Vertrauensarbeitszeit, über die die Lehrkräfte allein entscheiden. Über die restlichen 1360 Stunden im Jahr (ca. 35 Std/Woche) verfügt die Schulleitung; sie legt die Anzahl der Unterrichtsstunden und alles weitere fest. Das Extrembeispiel der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung liegt bei 23 Zeitstunden, also mehr als 30 der üblichen 45-Minuten- Unterrichtsstunden. Es ist kaum auszudenken, wie ein solches Modell unter den aktuellen Rahmenbedingungen in Hamburg umgesetzt würde. Der LR kritisiert die freie Verfügung der Schulleitung über die 1360 Stunden „geregelter Arbeitszeit“.

 

Höhe der Entlohnung

Zur Zeit wird in Schweden ein neues, freies Entlohnungssystem erprobt. Nach diesem System legen Schulleitung und die einzelne Lehrkraft jedes Jahr das persönliche Bruttoeinkommen der Lehrkraft fest. In dem Gespräch soll die Arbeit der einzelnen Lehrkraft offen bewertet werden, wobei die Lehrkraft eben die Möglichkeit hat, ihre persönlichen Leistungen darzustellen. Es gibt dabei kein Mindestgehalt und alles ist Verhandlungssache bzw. abhängig vom Haushalt der Schule. Das aktuelle Modell wird von Mitgliedern des LR als Erfolg bewertet, weil viele Lehrkräfte heute mehr verdienen als früher. Der LR unterstützt die einzelnen Mitglieder bei der Gesprächsvor- und nachbereitung, z.B. über Lohnkriterien für den Lehrkräfteberuf und eine landesweite Datenbank von ca. 300.000 Löhnen (zusammen mit dem Gewerkschaftsbund SACO).

Vom deutschen Tarifverständnis ist diese Praxis weit entfernt. Für die schwedischen Lehrkräfte hoffe ich, dass die schwedische Kultur und die immer wieder betonte Anerkennung für die Arbeit der Lehrkräfte so weit reicht, dass die Schulleitungen ihre Möglichkeiten langfristig nicht zu Lasten der Arbeitsnehmer_innen nutzen.

 

Fazit

Schweden ist auf dem liberalistischen Weg zu weit gegangen und man kann die negativen Auswirkungen spüren, das sieht auch der LR so. Die am Prinzip der Outputorientierung ausgerichtete schwedische Praxis relativiert sogar die selbstverantwortete Schule in Hamburg, denn gemessen an der schwedischen Wirklichkeit gibt es in Hamburg mehr verbindliche Regeln und Durchgriffsmöglichkeiten für den Staat.

Das aktuelle schwedische Modell zeigt, dass eine Schulsteuerung des „New Public Managements“ und die daran ausgerichteten teilautonomen Schulen keine Lösung für die Fragen der Schulsteuerung bzw. -verwaltung darstellen, sondern selbst deutliche Schwächen aufzeigen. Der Output der schwedischen Schulen nimmt – gemessen an PISA und TIMMS – ja gerade ab!

In Schweden wie in Hamburg müssen wir für eine Schulsteuerung und -verwaltung kämpfen, die Chancen- und Bildungsgleichheit gewährleistet, ohne Schüler_innen oder Schulbeschäftigten die Lasten tragen zu lassen.

Roland Kasprzak, G18

Foto: Roland Kasprzak