Bei der Jahresauftakt-Pressekonferenz des DGB Hamburg haben die Vorsitzende Tanja Chawla und die Spitzen der acht Mitgliedsgewerkschaften ihre zentralen Forderungen für das Jahr 2026 vorgestellt. Mit einem klaren Appell fordern die Gewerkschaften deutliche Bekenntnisse zur Tarifbindung, die Stärkung des sozialen Zusammenhalts, eine gerechte Finanzierung des Wandels und die transparente Verteilung von Investitionsmitteln.
Chawla, Vorsitzende Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) Hamburg:
„2026 wird auch für Hamburg ein herausforderndes Jahr: Uns erwarten nicht nur intensive Tarifrunden, sondern auch bedeutende Betriebs- und Personalratswahlen. Hamburg steuert außerdem auf einen „schmerzhaften“ Haushalt zu, der den Sozialstaat angreift und Kürzungen in der sozialen Infrastruktur befürchten lässt, während der Tarifschutz in der Hansestadt weiter schwächelt und der Wandel der Arbeitswelt die Beschäftigten in Atem hält.
Wir sagen es ganz deutlich: 2026 muss gehandelt werden. Hamburgs Beschäftigte warten schon viel zu lange auf die versprochene Tariftreueregelung im Vergabegesetz. Der aktuell vorliegende Entwurf erfüllt dieses Versprechen aber nicht: Statt klarer und verbindlicher Regeln drohen Rechtsunsicherheiten, die Lohndumping begünstigen und tariflose öffentliche Aufträge ermöglichen. Grundsätzlich gilt: Bürokratieabbau darf niemals zu Lasten der Beschäftigten und ihrer Arbeitsbedingungen gehen. Wenn Hamburg Stadt der guten Arbeit sein will, muss jetzt Wort gehalten und konsequent nachgebessert werden. Dafür werden wir 2026 weiter Druck machen.
Als Gewerkschaft ist es unser klarer Auftrag, den tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt, im Interesse der Beschäftigten zu gestalten. Ob Digitalisierung oder Dekarbonisierung: Gute Arbeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung müssen dabei im Mittelpunkt stehen. Betriebs- und Personalräte zeigen jeden Tag, dass Demokratie in Betrieben und im öffentlichen Dienst lebt. Nur gemeinsam mit engagierten Kolleg*innen, den Sozialpartnern und der Politik gelingt eine Transformation, die Beschäftigung sichert, Sozialabbau verhindert und dem Populismus entgegenwirkt. Deshalb muss der im Koalitionsvertrag vereinbarte Transformationsrat jetzt endlich an den Start gehen.
Und auch bei Investitionen in Zukunftsthemen wie Energiewende und Infrastruktur setzen wir auf Kooperation. Deshalb fordern wir für Hamburg einen Investitionsgipfel, der transparent macht, wie die Mittel aus den Sondervermögen eingesetzt werden und sicherstellt, dass sie dort ankommen, wo sie wirklich gebraucht werden – nicht nur in Leuchtturmprojekten, sondern in der sozialen Infrastruktur für alle Hamburger*innen.“
Sven Quiring, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hamburg:
„Für das Jahr 2026 erwarten wir eine schwierige Tarifrunde im TV-L. Die Haushaltslagen sind angespannt, doch gute Bildung und funktionierende öffentliche Dienste gibt es nicht zum Nulltarif. Wir erwarten deshalb ein ernsthaftes Entgegenkommen der Arbeitgeber, um tragfähige und faire Lösungen zu erreichen. Zugleich blicken wir mit Zuversicht auf die anstehenden Betriebs- und Personalratswahlen. Wir hoffen auf eine hohe Beteiligung und ein starkes Ergebnis, denn Mitbestimmung ist ein zentraler Pfeiler guter Arbeit. Mit großer Sorge sehen wir Bestrebungen zur Wiedereinführung der Regelanfrage im öffentlichen Dienst. Diese lehnen wir entschieden ab, da sie Misstrauen schürt, Grundrechte gefährdet und demokratisches Engagement schwächt.“
Ina Morgenroth, Erste Bevollmächtigte und Geschäftsführerin IG Metall Region Hamburg:
„Unser Ziel 2026: Industriestandorte und die dortigen Arbeitsplätze zukunftsfest machen und die Transformation der Arbeitswelt sozial, ökologisch und gerecht gestalten – gemeinsam mit den Beschäftigten und neu gewählten Betriebsräten. Für unsere energieintensive Industrie ist die Einführung eines Industriestrompreises ab diesem Jahr eine wichtige Grundlage. Zur Begrenzung auf drei Jahre sagen wir allerdings: Das reicht nicht. Wir lassen hier nicht nach beim Einsatz eine dauerhafte Lösung. Für eine widerstandsfähige Industrie brauchen wir mehr ‚Local Content‘ in den Wertschöpfungsketten und ein klares Bekenntnis zu fairen Rahmenbedingungen. Wer meint, den Industriestandort Deutschland durch Kürzungen am Sozialstaat sichern zu können, liegt falsch – dem werden wir entschieden entgegentreten. In über 80 Betrieben der Metall- und Elektroindustrie mit rund 50.000 Beschäftigten steht dieses Jahr die Tarifbewegung zum Thema Entgelt an – auch bei den städtischen Infrastrukturunternehmen für Strom, Gas und Wärme. Die Beschäftigten dort fordern zu Recht finanzielle Entlastung und bessere Arbeitsbedingungen, und wir unterstützen sie dabei mit aller Kraft.“
Sandra Goldschmidt, Landesbezirksleiterin Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Hamburg:
„Aktuell läuft die Tarifrunde der Länder – und wir kämpfen für 7 Prozent mehr, mindestens aber 300 Euro. Dass sich die Kolleg*innen ein Leben in der Stadt, für die sie arbeiten, kaum mehr leisten können, ist ein Unding. Die geplatzte Hamburg-Zulage hat verbrannte Erde hinterlassen. Hier muss etwas repariert werden, denn wenn fehlende Wertschätzung auf fehlendes Vertrauen trifft, baut sich ein unheimlicher Frust bei den Kolleg*innen auf. Vom Hamburger Senat erwarten wir für 2026 eine deutliche Kurskorrektur: Wir brauchen endlich ein starkes Tariftreuegesetz, das seinen Namen verdient. Wir fordern, dass die Politik die Lebensrealität der Kolleg*innen ernst nimmt – mit klaren Regelungen für faire Löhne, mit echter Unterstützung für Mitbestimmung und mit Maßnahmen, die das Vertrauen wiederherstellen.“
Jan Koltze, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) Hamburg:
„Wir befinden uns mitten in den Tarifverhandlungen für die chemische Industrie - und setzen bewusst einen anderen Schwerpunkt: die Sicherung von Arbeitsplätzen. Denn in den von uns betreuten Branchen erleben wir derzeit einen spürbaren Stellenabbau. Hohe Energiekosten, enorme Transformationsherausforderungen, starker internationaler Wettbewerb und Absatzprobleme setzen die Unternehmen unter Druck. Neben diesem Tarifschwerpunkt appellieren wir als IGBCE an die Stadt, bei der Umsetzung des Klimaschutzgesetzes die Bedürfnisse und Grenzen der Industrie mitzudenken. Klimaschutzneutralität ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das Klimaschutzgesetz gilt regional, der Wettbewerb in dem die Unternehmen stehen ist global. Deshalb braucht es verlässliche Energieversorgung, bezahlbare Kosten und gezielte Unterstützung im Transformationsprozess.“
Anne Widder, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Region Hamburg-Elmshorn:
„Gewerkschaftliche Organisierung ist ein Grundrecht und auch Betriebsratswahlen sind kein Entgegenkommen der Arbeitgeber, sondern ein gesetzlich garantiertes Recht. Demokratie endet nicht am Arbeitsplatz: Wer Beschäftigte einschüchtert, Wahlen behindert oder Unionbusting betreibt, greift die Demokratie direkt an. Gerade in Gastronomie, Hotellerie und der Genuss- oder Lebensmittelindustrie haben die meisten Betriebe in Hamburg weder Betriebsrat noch Tarifbindung – das ist untragbar und der Keimboden für schlechte Arbeitsbedingungen. Das Betriebsratswahljahr 2026 ist der richtige Moment, diesen Zustand zu beenden. Die NGG steht entschlossen an der Seite der Beschäftigten und unterstützt sie mit aller Kraft bei Vorbereitung und Durchführung der BR-Wahl 2026.“
Alexander Kahl, Stellvertretender Bezirksvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Hamburg:
„Zum Jahresauftakt setzt die IG BAU Hamburg klare Schwerpunkte: Wir kämpfen für faire Löhne und sichere Arbeitsplätze in unseren Branchen. Ein Abschluss eines wirksamen Tariftreuegesetzes ist 2026 angesichts wachsender staatlicher Investitionen und einem Aufschwung in der Bauindustrie unumgänglich. Außerdem streben wir nach mehr bezahlbarem Wohnraum als gemeinsames Ziel mit der Stadt. Unsere starke Partnerschaft mit Betriebsräten und den Beschäftigten ist der Schlüssel, um Hamburg solidarisch, gerecht und klimafest zu gestalten.“
Horst Niens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Hamburg:
„Hamburg braucht nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Berliner Beamtenbesoldung endlich eine vernünftige Regelung zur amtsangemessenen Alimentation. Eine faire Vergütung sollte doch selbstverständlicher Mindeststandart sein – auch um Kolleginnen und Kollegen in der Hansestadt zu halten. Warme Worte der Anerkennung reichen da nicht. Eine wirkliche Wertschätzung guter Polizeiarbeit muss sich auch im Portemonnaie bemerkbar machen. Nur eine personell und materiell sehr gut ausgestattete Polizei ist in der Lage eine resiliente Demokratie zu garantieren.“
Adrian Ciancia, Geschäftsstellenleiter der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) Hamburg:
„Wir setzen uns mit der Stärke unserer Mitglieder im Bereich Eisenbahnen für gute Löhne und Arbeitsbedingungen ein. Diese müssen in Hamburg u.a. durch ein Tariftreue- und Vergabegesetz abgesichert werden, das tarifliche Mindeststandards und eine Übernahmegarantie bei Betreiberwechsel festlegt. Schienenpersonennahverkehr funktioniert nicht durch Sparkurse und Abbau von Sozial- und Sicherheitsstandards und Unterbietungsangeboten. Hamburg hat erfolgreich seinen SPNV aufgestellt. Auf diesen Weg müssen wir aufbauen und auch für die Beschäftigten vorbildlich Vorsorge tragen. Denn sie sind die, die viele von uns Tag für Tag zur Arbeit und wieder nach Hausen bringen!“

