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1926: Frenetischer Beifall für Hitler im Hotel Atlantic

Geschrieben von: 
Webredaktion
Zusammenfassung eines Vortrages von Prof. Dr. Axel Schildt
Foto: © NDR.de / Marc-Oliver Rehrmann

von Bernhard Nette

Am 30. Januar 2018 hielt Prof. Axel Schildt, bis zu seiner Emeritierung 2017 Leiter der Forschungsstelle, im Hamburger CVJM-Haus einen Vortrag, in dessen Zentrum diese Hitler-Rede stand. Bernhard Nette fasst zusammen. 

Was den Aufstieg der Hitler-Partei anging, so wird noch heute gerne kolportiert, das gute Bürgertum, die Unternehmer ebenso wie das Bildungsbürgertum, habe sich auch in Hamburg erst spät, also vielleicht im Frühjahr 1933, seine konservativen Ideale verratend, den Nationalsozialisten angeschlossen, wobei sie dann, als alles in einem monströsen Menschheitsverbrechen zugrunde gegangen war, sich selber als missbrauchte Idealisten sahen.

Es begann aber alles viel früher. 1926 war die NSDASP auch in Hamburg noch eine Splitterpartei. Bei der Bürgerschaftswahl 1924, Hitler war kurz nach Weihnachten aus der Festungshaft entlassen worden, erreichten die Nationalsozialisten in einem Bündnis mit anderen völkisch-antisemitischen Kräften gerade einmal 2,5 Prozent der Stimmen. Zur Bürgerschaftswahl 1927 trat die NSDAP alleine an und erhielt nur noch 1,5 Prozent. Der Durchbruch zu Massenpartei gelang der NSDAP erst 1930. Am 28. Juni 1926, also in der für Nazis wahlerfolgsmäßig noch dürren Zeit, hielt Adolf Hitler eine Rede im Festsaal des Hamburger Hotels Atlantic, aber nicht vor der damals schwachen Hamburger NSDAP-Ortsgruppe mit ihren gerade mal 200  gestiefelten Anhängern, sondern vor 500 hochmögenden hanseatischen Mitgliedern und Gästen des Nationalklubs von 1919. Die eigene Partei war von Hitler nicht einmal über seiner Anwesenheit in Hamburg informiert worden. Er trat auch nicht in Uniform auf, sondern im dunklen Anzug. Das gute bürgerliche Publikum hörte dem 37jährigen Politiker zweieinhalb Stunden zu, unterbrach ihn immer wieder mit „Sehr Richtig!“ und „Bravo!“-Rufen und jubelte ihm danach minutenlang frenetisch zu. Wie gesagt, es war das Jahr 1926.

Die Rede wurde damals mit stenografiert, von Hitler autorisiert und an die Mitglieder des Klubs verschickt. 1960 erstmals veröffentlicht, kann sie auf der Homepage der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg als digitalisierte Version herunter geladen werden. Am 30. Januar 2018 hielt Prof. Axel Schildt, bis zu seiner Emeritierung 2017 Leiter der Forschungsstelle, im Hamburger CVJM-Haus einen Vortrag, in dessen Zentrum diese Hitler-Rede stand. Axel Schildt hat die folgende Zusammenfassung seines Vortrags autorisiert. 

 

Axel Schildt: „Das Hamburger Bürgertum und der Nationalsozialismus“ (Zusammenfassung)

„Die jubelten, waren in erster Linie Unternehmer, Bankiers, höherer Offiziere und Beamte, keine kleinbürgerlichen Krawallbrüder“, bemerkte Schildt. Er zitierte die Begrüßungsworte eines Dr. Carl Vorwerk vom Vorstand der Handelskammer: „Meine Herren! (Im Nationalklub waren Damen nicht zugelassen … ; A.S.) Worte der Einführung sind eigentlich unnötig bei dem Gast, den wir heute abend bei uns zu sehen die Ehre haben (…) Sein mannhaftes Eintreten für seine Überzeugungen hat ihm in den weitesten Kreisen Achtung, Bewunderung und Verehrung eingetragen.“ Damit bezog sich der Vertreter der Handelskammer auf den Oktoberputsch 1923 in München mit Hitler und Ludendorff an der Spitze und auf Hitlers Auftreten vor dem Münchener Gericht ein Jahr später. Ein Gesinnungsgenosse war zu Besuch nach Hamburg gekommen.

Wer oder was war der Hamburger Nationalklub von 1919? Begründet wurde er u.a. durch Max von Schinkel, Bankier und einer der reichsten Bürger Hamburgs, 1917 von Kaiser Wilhelm II in den Adelsstand erhoben, etliche Jahre Präses der Handelskammer und bereits im Kaiserreich und dann in der Weimarer Republik rechtsgerichteter Bürgerschaftsmitglied (ab 1919 DNVP). Das Ziel des Nationalklubs war, so von Schinkel, die Republik zu beseitigen, wenn nötig, mit Waffengewalt. Eine weitere zentrale Figur des Nationalklubs war Wilhelm Cuno, extrem wirtschaftsliberaler Generaldirektor der HAPAG, parteilos, rechtskonservativ, demokratiefeindlich, 1922/23 sogar kurzfristig Reichskanzler, eng vernetzt mit der Schwerindustrie an Rhein und Ruhr, also mit Hugo Stinnes, Fritz Thyssen, Paul Reusch etc.. Der Hamburger Nationalklub war Teil eines reichsweiten Netzwerkes von rechtsintellektuellen Herrenklubs. „Die Feinde der Republik waren gut vernetzt“, so Schildt lakonisch. Man habe sich im konservativen Bürgertum auf die Suche nach dem richtigen Führer gemacht, man habe die richtigen Methoden ermitteln wollen, um eine Diktatur zu errichten. Kein simpler Rechtsputsch wie der am Generalstreik gescheiterte Kapp-Putsch durfte es mehr sein und auch kein an Mussolinis Vorgehen angelehnter deutscher Marsch auf die Hauptstadt wie der misslungene Münchener Oktoberputsch. „Hitler“, so Schildt, „gestand seinen Fehler übrigens in der Hamburger Rede selbstkritisch ein, Hitler galt als Protagonist derjenigen, die aus den Fehlern gelernt hatten und wussten, dass es jetzt darum ginge, der künftigen Diktatur durch eine geduldige und sorgfältig geplante Propagandaarbeit eine  Massenbasis zu schaffen, den Kampf auf der Straße und in den Parlamenten zu führen. Das konnte nur gelingen, wenn man sich als neue und revolutionäre Bewegung inszenierte. (…) Zu diesem Neuen gehörte die Adaption bzw. die Enteignung des populären Begriffs „Sozialismus“ aus dem Arsenal der marxistischen Arbeiterbewegung.“ Das erklärte Hitler seinen Zuhörern ausführlich, denn sie waren bei diesem Teufelswort denn doch enorm zusammengezuckt.  

Das bürgerliche Publikum habe sicher gehen wollen, so Schildt, dass die notwendige soziale Demagogie nicht in gefährliches  tatsächlich sozialistisches Denken mündete.  Das konnte Hitler in Hamburg versprechen, auch in Abgrenzung zum Strasser-Flügel seiner Partei. Vor allem aber las er dem Bürgertum gehörig die Leviten. Im Weltkriege sei das Bürgertum zu schwach gewesen, sei zu liberal und tolerant mit dem Marxismus, ihrem Todfeind, umgegangen. „Die Frage der deutschen Wiederherstellung ist eine Frage der Vernichtung der marxistischen Weltanschauung in Deutschland.“ (Heftiger Beifall) Er forderte innenpolitisch die terroristische Ausschaltung der Arbeiterbewegung, sowohl der Sozialdemokraten als auch der Kommunisten, mit dem Ziel der Wiederherstellung eines Staates mit freier Unternehmerinitiative.  Außenpolitisch versprach er Revanche für Versailles und die Revision der Grenzen, also Krieg. Er wurde besonders bejubelt, als er mehrfach heiser ankündigte, für diese Ziele „mit aller Brutalität“ zu kämpfen.

Die Sozialdemokratie hatte auch in Hamburg ihre Tradition aus dem Kaiserreich fortgesetzt und bis zuletzt auf ein Bündnis mit dem (erodierenden) liberalen Bürgertum gesetzt, im Kampf gegen die NSDAP und zugleich gegen ihre eigene linke Schwester, die KPD – wie im übrigen auch umgekehrt die Kommunisten in der Sozialdemokratie einen ihrer Hauptfeinde sahen. Es kam zu keiner Koalitionsregierung der beiden Arbeiterparteien, als dies 1927 rein rechnerisch noch möglich gewesen wäre.

Schildt wies immer wieder darauf hin, dass es in Hamburg „von Anfang an starke Bastionen rechtskonservativen, antidemokratischen, antimarxistischen und antisemitischen Denkens in der Universitär, in der Richterschaft, unter den Gymnasiallehrern, in der evangelisch-lutherischen Landeskirche und nicht zuletzt unter Kaufleuten und industriellen Unternehmern“ gab. Es sei der rechtskonservativen Wirtschaftselite zum Zeitpunkt der Hitler-Rede darum gegangen, „die NSDAP sozusagen als Abteilung für Propaganda unter den Arbeitern einer größeren Rechtsfront anzugliedern.“ Dieses Vorgehen wurde bekannt als Zähmungs- bzw. später als Einrahmungskonzept, was beides grandios misslang. Umgekehrt sei es Hitler noch 1926 darum gegangen, die Nazis als bürgerlich-respektable Organisation darzustellen – bis sich die Kräfteverhältnisse ändern würden. Kurz: Das konservative Bürgertum und die Nazi-Führung kamen sich immer näher. Schildt ging auch auf den Beraterkreises von Wirtschaftsführern für Hitler ein, der 1932 eingerichtet wurde. Dieser sog. Keppler-Kreis (Wilhelm Karl Keppler, 1882-1960, mittelständischer Unternehmer, seit 1927 NS-Mitglied,  SS-Obergruppenführer, neben vielen anderen Kriegsverbrechen Beteiligung am Raub von polnischen und sowjetischen Firmen) setzte sich beim Reichspräsidenten Hindenburg Ende 1932 letztlich erfolgreich dafür ein, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Später institutionalisierte sich diese Gruppierung als Freundeskreis des Reichsführers SS bzw. kurz des Himmler-Kreises. Der wichtigste Hamburger Repräsentant schon im Keppler-Kreis war der Bankier, Aufsichtsrat der HAPAG und Südostasienkaufmann Emil Helfferich.

So viel zur These von der abendländisch gesonnenen und gebildeten Elite, die lange nicht auf Hitler hereingefallen sei,  anders als „die“ Masse, die  sich – so eine wohlfeile Theorie - von totalitären Bewegungen einfangen ließ oder die – nach einer anderen, wenn auch verwandten Theorie – sich nihilistischererweise von Gott abgewendet hätte, nur um sich von modernen Dämonen verführen zu lassen und eine säkularisierte Orientierung – Sozialismus oder Faschismus – zu suchen. In jedem Fall werde solcherart das Thema des Zusammenhangs von bürgerlicher Gesellschaft und der NS-Bewegung weitgehend ausgeklammert, so Schildt. Er  zitierte Max Horkheimer, der 1939 im US-Exil die bekannte Formulierung gebrauchte: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Aber die Thematisierung des Zusammenhangs Kapitalismus-Faschismus sei seit den 1980er Jahren bis heute für deutsche Historiker nicht mehr karrierefördernd gewesen. Und auch die holzschnittartige Deutung Hitlers und Mussolinis als Marionetten des Monopolkapitals, eine Vorstellung, wie sie in der DDR gepflegt wurde (Dimitroff-Doktrin, wonach das Monopolkapital aus Angst vor der sozialistischen Revolution die faschistische Bewegung förderte bzw. erst aus der Taufe hob, die dann mit sozialer Demagogie kleinbürgerliche Schichten gegen die Arbeiterbewegung mobilisierte), habe die Anziehungskraft der NS-Bewegung auf alle Schichten der Bevölkerung nicht erklären können. Jürgen Falters Formel von der NSDAP als „Volkspartei mit Mittelstandsbauch“, d.h. mit einer Anziehungskraft auf alle Bevölkerungsschichten, aber mit stärkerer Prägung durch den alten Mittelstand wie Ladenbesitzer Landwirte etc., sei inzwischen weitgehend konsensual. Die  Arbeiterschaft freilich, auch darauf wies Schildt hin und konterkarierte bis zu einem gewissen Grad Falters Formel, wählte bis zur Machtergreifung der Nazis weiterhin SPD und KPD, wobei es nur zu Verschiebungen hin zur KPD kam. Die relative Autonomie der NDSDAP nach ihrer Machtergreifung aber habe mit der Dimitroff-Doktrin nicht erklärt werden können, geschweige denn der Holocaust.  

Und damit kommen wir zurück zum 28. Juni 1926. Schildt: „Im Festsaal des Atlantic befand sich ein weißer Elefant. Jeder sah ihn, niemand sprach über ihn. Der weiße Elefant hieß Antisemitismus. Hitler kam in einer Rede von 2 ½ Stunden ohne jeden Halbsatz zu diesem Thema aus, nicht einmal die Worte ´Jude´ oder ´jüdisch´ nahm er in den Mund.“ Hitler habe sein reaktionär-bürgerliches Publikum in diesem Punkt nicht getäuscht, so Schildt, sondern es sei wahrscheinlich so gewesen, „dass an jenem Abend etwas anderes interessierte. Hitlers bekannter Antisemitismus störte dabei nicht, die konservativen Hanseaten sahen darin überhaupt kein Hindernis, dem radikalen Agitator zuzujubeln. Die konservativen bürgerlichen Eliten waren selbst fanatische Gegner der Demokratie, sie wollten nur wissen, dass die Diktatur für sie ohne soziale Risiken errichtet würde.“ Gegen die Juden war man sowieso.

Zusammenfassung: Bernhard Nette

Foto: © NDR.de / Marc-Oliver Rehrmann