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GEW und Erinnerungspolitik – oder: Verantwortung für die Geschichte übernehmen

Geschrieben von: 
Dr. Fredrik Dehnerdt
Thema: 
GEW
von Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender GEW Hamburg
Foto: Dieter Schütz / www.pixelio.de

Als Bildungsgewerkschaft im DGB leben wir nicht in einem Elfenbeinturm, sondern beziehen immer wieder klar Stellung auch zu gesellschaftspolitischen Themen. Das schließt Gedenken und Erinnern ein. Mehr noch: Als GEW verstehen wir Gedenken und Erinnern als gewerkschaftliche Aufgabe.

Für uns steht fest: Das unermessliche Leid und das Grauen, das die beiden Vernichtungskriege und die Schreckensherrschaft der Nazis über die Menschen gebracht haben, dürfen sich nie wiederholen. Deshalb müssen wir unser Bekenntnis zu Frieden, Demokratie und Freiheit immer wieder erneuern. ‚Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!‘ Dafür stehen wir Gewerkschaften! Dafür treten wir mit all unserer Kraft ein!

Seit 1957 ist der Antikriegstag ein Tag des Erinnerns und des Mahnens. Seitdem erinnern nicht nur die Gewerkschaften am 1. September daran, dass es dieser Tag war, an dem Nazi-Deutschland 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg entfachte. Wir gedenken an diesem Tag der Schrecken zweier Weltkriege, die über 80 Millionen Tote gefordert haben.

Der 8. Mai ist der Jahrestag der Befreiung von der NS-Herrschaft.

Am 9. November gedenken wir der Opfer der Reichsprogromnacht.

Solche Daten mit den zugehörigen Veranstaltungen sind erinnerungspolitisch bedeutsam, um die Geschehnisse wachzuhalten. Daher haben sie unsere Unterstützung.

 

Was folgt aus der Erkenntnis des Zivilisationsbruches während der NS-Zeit für uns als Bildungsgewerkschaft?

Erstens: Als GEW verstehen wir Friedenserziehung als pädagogische Aufgabe.

Pädagoginnen und Pädagogen, so die Position der GEW, sind in besonderer Weise gefordert, sich in den Bildungseinrichtungen mit den verschiedenen Formen von Rassismus auseinanderzusetzen. Der pädagogische Auftrag lautet, Werte wie Gleichberechtigung, Respekt und Solidarität zu vermitteln und junge Menschen über die Gefahren gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und extremistischer Strömungen aufzuklären.

Friedenserziehung, so unsere Position, muss ein Kernziel von Bildung sein. In Kitas, Schulen, Hochschulen, der beruflichen Bildung und der Weiterbildung muss der Wert eines friedlichen Miteinanders aller Menschen anschaulich vermittelt werden. Frieden, so unsere Überzeugung, kann man lernen. Und daher unterstützen wir die alljährlichen Ostermärsche für Frieden.

 

Zweitens: Als GEW verknüpfen wir Gedenken und aktives Eintreten gegen rechts.

Gedenken und aktives Eintreten gegen rechts gehen Hand in Hand. So ist es oft die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die uns ermutigt, heute aktiv zu werden gegen die alltäglich zu beobachtende Ausgrenzung auch und insbesondere vor der eigenen Haustür. Daher ist Erinnerung notwendig, und daher hat Erinnern und Gedenken nicht nur eine Rückwärts-gewandte Seite, sondern weist immer auch in die Zukunft. Denn:  Erinnern bedeutet, für die Gegenwart und für die Zukunft zu lernen.

Wir betonen die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur für die Demokratie. Völkisches und nationalistisches Denken werden wieder stärker, rechtspopulistische Stimmungsmache sowie rassistische Hetze und Gewalt nehmen in Deutschland und Europa zu: Auch deshalb muss die Erinnerung an die NS-Verbrechen wach gehalten werden.

Und daher wehren wir uns engagiert gegen die verschiedenen Strömungen innerhalb der Neuen Rechten, gegen Pegida, Hogesa, die Autonomen Nationalisten, die Identitären wie auch deren parlamentarische Auswüchse:  die AfD.

Rechtspopulistische Gruppierungen und andere Organisationen der extremen Rechten vertreten nicht nur eine reaktionäre, rechte Politik und bedienen und befeuern in ihrem politischen Handeln gefährliche Ressentiments, sie stehen auch programmatisch sämtlichen Zielen und Aufgaben der GEW diametral entgegen. Mit Gruppierungen, die die Gleichheit aller Menschen bestreiten, kann man nicht in den Dialog treten, sondern man muss ganz klar Gegenpositionen beziehen. Das ist Aufgabe der Gewerkschaften und auch der GEW.

 

Drittens: Als GEW kehren wir auch vor der eigenen Tür.

Die GEW Hamburg versteht sich als eine demokratische und antifaschistische Organisation. Sie setzt sich gegen rassistische, nationalistische und militaristische Aktivitäten ein und fördert Maßnahmen zum Ausbau von Demokratie, Humanität und Frieden. Die GEW Hamburg kann auf eine über 200jährige Organisationsgeschichte zurückblicken und verbindet Erinnerung mit Erkenntnis und Verantwortung. Hierzu zählt auch die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Geschichte der eigenen Organisation vor und während und nach der NS-Zeit.

Im Kontext der Diskussionen um die Rolle Max Traegers, des ersten Bundesvorsitzenden sowie Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde und der GEW Hamburg hat die GEW beschlossen, sich mit weiteren Fragen zu ihrer Geschichte zu beschäftigen. Dieses Projekt wurde nun – in Zusammenarbeit mit dem Verantwortlichen der Kulturbehörde für Gedenkkultur, der Forschungsstelle für Zeitgeschichte an der Uni Hamburg sowie engagierten GEW-Mitgliedern – auf den Weg gebracht. Das heißt: Wir sind aktiv auch im eigenen Haus und betreiben die Aufarbeitung der Geschichte der GEW und ihrer Vorläuferorganisationen.  Die GEW will sich ihrer Vergangenheit stellen und ist auch bereit, Konsequenzen zu ziehen.

Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender GEW Hamburg

Foto: Dieter Schütz / www.pixelio.de