GEW Hamburg

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - Landesverband Hamburg
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Courage zeigen gegen rechts

Geschrieben von: 
Joachim Geffers
Ein Bericht zur Tagung "Strategien gegen Rechts" von Joachim Geffers
 „Hamburger Erklärung gegenseitiger Solidarität bei Angriffen von Rechts auf Bildung und Kultur“

Eine unter breiter Beteiligung stattgefundene Tagung auf Kampnagel am 25. und 26. Oktober thematisierte den auf vielen Ebenen stattfindenden Alltagsrassismus und offenbarte die damit in Verbindung stehende Dimension faschistischer Einflussnahme auf die Politik, um deutlich zu machen, wie notwendig es ist, dagegen Widerstand zu entwickeln

„Dürfen Sie denn überhaupt Lehrerin sein?“, so die Frage einer schwarzen Schülerin an eine ebenso dunkelhäutige Lehrerin, die das erste Mal in Berlin vor die Klasse tritt. Diese Lehrerin war die Referentin selbst. Die Frage macht schlaglichtartig deutlich, in welchem Maße der Rassismus in unserem Land den Alltag prägt, in diesem Fall ausgehend von der Hautfarbe, in vielen anderen Fällen ausgelöst durch andere Abweichungen von der Norm. Die das erzählt, ist Saraya Gomis. Sie war Antidiskriminierungsbeauftragte der Berliner Senatsverwaltung für Bildung und arbeitet jetzt an einer Berliner Schule. Sie weiß also, wovon sie spricht. Sie schüttete über das Publikum im vollbesetzten K2 auf Kampnagel ein Füllhorn von alltäglich erlebten Diskriminierungen aus. Manches erklärte sich dabei erst auf den zweiten Blick, wenn sie bspw. davon sprach, dass es Diskriminierung sowohl bei Gleichbehandlung als auch bei Ungleichbehandlung geben kann. Als Beispiel nannte sie den Förderunterricht, in den migrantische Kinder reihenweise geschickt werden, was vordergründig Sinn macht, gleichzeitig aber bei den Kindern ein Gefühl hinterlässt, Schüler_innen zweiter Klasse zu sein.

Gerade diese Beispiele sind es, die etwas freilegen, was, einmal damit begonnen, immer neue Felder erschließt, auf denen Diskriminierung wahrgenommen werden kann. Das erfordere Arbeit und das heiße, von allem Anfang an sich einzugestehen, dass man Teil eines Herrschaftssystems sei, das auf Diskriminierung setze, so die Referentin. Gerade als Lehrerin habe sie daher die Pflicht, ihr Handeln immer wieder in Hinblick darauf abzuklopfen, dass es frei von Diskriminierung ist. Das erfordere aber nicht nur rationale Einsicht, sondern jene mentale Bereitschaft, sich  ändern zu wollen, in deren Prozess zunächst – dies zeigen alle diesbezüglichen Untersuchungen – Abwehr erfolge. Abwehr bspw. im Zusammenhang mit Genderdebatten, wenn sich die innere Stimme meldet: „Nun ist aber mal genug!“

Gerade dann, so Gomis, gehe die Reise erst los. Sich den eigenen Widerstände nicht nur gedanklich entgegenzustemmen, sondern dies in die Praxis umzusetzen, sei dann Arbeit. Die Überwindung der Angst, sich lächerlich zu machen oder als Spinner_in angesehen zu werden, sei das Ziel. Ein Ziel, ohne das demokratische Bildung nicht durchzusetzen sei, weil ohne die Annäherung an das grundgesetzliche Gleichheitspostulat alle Mühen in Richtung wahrer demokratischer Verhältnisse umsonst seien, solange man nicht daran arbeite, bei sich selbst und bei anderen die Mechanismen von Diskriminierung aufzudecken.

Wie sich Mühen ins Spielerische transformieren lassen, dies konnte man bei der Referentin leibhaftig erfahren. Ihre durchgängig gegenderte Sprache, die zu Beginn des Vortrags vielleicht noch die eine oder andere Augenbraue beim Publikum sich hatte nach oben bewegen lassen, wurde im Laufe des einstündigen Vortrags als absolut notwendig erkannt und damit auch nicht mehr als den Redefluss störend empfunden, was hierzulande ja immer wieder als Kritik vorgebracht wird.

Gomis schlug mit ihrem Vortrag ein Buch mit vielen Seiten auf, dessen Inhalt für die Zuhörenden neu war. Dies sollte Gesprächsstoff in jedem Lehrer_innenkollegium sein. Vor allem gehört es ins Zentrum einer Lehrer_innenausbildung, deren Absolvent_innen in eine Berufswelt, sprich Schule, entlassen werden, die nicht nur von materieller Ungleichheit, sondern durch die Einwanderung ebenso stark von kultureller Heterogenität geprägt ist.

Ein erfüllender Freitagabend.

Vorträge

Das Sonnabendprogramm startete mit zwei hoch interessanten Vortragen zum Thema Bildung & Kultur unter Druck von Rechts:

Andreas Speit, Publizist und Journalist  schilderte manch nahezu unglaubliche Beispiele zum Thema Bürgerliche Scharfmacher: Deutschlands neue rechte Mitte. Zitate, die der Autor aus persönlichen Begegnungen in der „guten Hamburger Gesellschaft“ vorbrachte, rief bei manchen Anwesenden unfassbares Erstaunen hervor. Anhand breit gefächerter Recherchen konnte der Referent die geschilderten Beispiele in die Strategie der Rechten einbetten, ihren Einfluss gezielt in nahezu allen Bereichen von Kunst, Bildung und Kultur – leider nicht immer erfolglos - auszuweiten. Dabei nutzen sie durchaus ein variantenreiches, teilweise geschicktes und nicht immer tumbes Instrumentarium, meistens allerdings verbunden mit Versuchen, Druck und Angst zu erzeugen.

Annika Eckel, Leitung der Berliner Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke konnte aus ihren vielfältigen Erfahrungen in unterschiedlichen sozialen Einrichtungen Berlins zum Thema Demokratisch bedeutet nicht Neutral – Klare Haltung gegen rechte Diskursstrategien berichten. Dabei bildete der Versuch der Rechten, das Neutralitätsgebot staatlicher Repräsentanten in ihrem Sinne umzudeuten, einen Schwerpunkt. Mit vielen Beispielen zeigte sie auf, wie diesen Versuchen durch klare und solidarische Kante erfolgreich begegnet werden konnte und belegte andererseits argumentativ klar und juristisch unterfüttert, dass eine parteipolitische Neutralität nicht gegenüber Positionen/ Organisationen/ Parteien gelten kann, die selbst ständig Fundamente des Grundgesetzes, der Menschenrechte und weitere demokratischer Grundprinzipien verletzen.

Nachfragen und Anmerkungen aus dem Publikum zu beiden Vorträgen brachten die Erkenntnisse dieses Veranstaltungsteils auf den Nenner: Das beste Mittel gegen sämtliche Versuche der Rechten zur Erhöhung ihres Einflusses auf Kunst, Bildung und Kultur ist eine erhöhte Sensibilität, konsequentes Aufdecken und insbesondere solidarische Gegenwehr in Netzwerken.

Arbeitsgruppen

Der Bericht über die sich anschließenden Workshops könnte einen Reader füllen. Deshalb seien an dieser Stelle nur die jeweiligen Organisator_innen (Näheres dazu auf auf der GEW-Homepage unter: https://www.gew-hamburg.de/themen/aktionen-und-kampagnen/es-geht-uns-alle-an-tagung-zu-strategien-gegen-rechts) zu folgenden Themen genannt:

…der Neuen Rechten als pädagogische Herausforderung (Projekt Dekonstrukt)

… der Arbeit des Mobilen Beratungsteams gegen Rechts Hamburg (MBT): Wer wir sind, was wir tun und welche Herausforderungen uns in der Praxis rund um Rechtsextremismus begegnen

…der Frage, wie KZ-Gedenkstätten auf Demokratie- und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit reagieren können (KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

…Aufstehen gegen Rassismus – Von Aktiventreffen bis Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung (Aufstehen gegen Rassismus)

…Einblicke in die Praxis der solidarischen Institution (Kampnagel-Team)

…Antifeminismus (Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg)

...Repräsentationen und Antirassismus in Stadtkultur (mit Dan Thy Nguyen, Theaterregisseur, Schauspieler und Sänger )

...dem Beutelsbacher Konsens - Ein Brandmelder für ein abgebranntes Haus? (Ramses Michael Oueslati, Lehrerbildner für das Fach Gesellschaft und Politik, Schulberater für Islamismus und Islamfeindlichkeit und Autor rassismuskritischer Unterrichtsmaterialien)

…antifaschistischer Arbeit (Gruppen Lelka und Mania und Antifa 22309)

…der Neuen Rechten als pädagogische Herausforderung (Projekt Dekonstrukt)

Podiumsdiskussion

Was am Freitag mit der Schilderung begonnen hatte, dass eine schwarze Schülerin sich nicht vorstellen konnte, von einer Lehrerin of colour unterrichtet zu werden (s.o.), fand eine Fortsetzung, als auf dem Abschlussplenum der Journalist Özdür Ulugag vom Verband ‚Neue deutsche Medien‘ eine Geschichte ihn betreffend erzählte: Er sei fast 20 Jahre am Schauspielhaus beschäftigt gewesen und hätte festgestellt, dass von den mehreren hundert Beschäftigten nur eine Handvoll einen Migrationshintergrund gehabt hätten. Als er dies öffentlich bemängelte, wurde er zum Personalchef zitiert, der ihn fragte, was denn oben an dem Haus geschrieben stünde, in dem er arbeite? „Deutsches Schauspielhaus!“ Damit sei doch eigentlich alles gesagt, so der Personalchef, um anschließend die Suspendierung - Kündigung ging nicht, weil x als Betriebsrat Kündigungsschutz genoss – gegen den Betriebsfrieden Störenden einzuleiten.

Nicht alle nachfolgenden Schilderungen gaben einen solchen Zynismus wieder, aber sie machten deutlich, dass sich das Klima bei uns deutlich nach rechts verschoben hat, seit die AfD in der Politik eine Rolle spielt. Und dass sie dies in Hamburg auf ganz manifeste Weise tut, kann man an der wahren Flut parlamentarischer Anfragen der AfD erkennen, die allesamt versuchen, demokratisches Handeln des politischen Gegners in ein verfassungsfeindliches Licht zu rücken. Dabei geht es ihr weniger um die Antworten als um die Stimmung, die damit in der Stadt geschürt wird und um die Hoffnung, den politischen Gegner einschüchtern zu können. Eine Stimmung, bei der die Vertreter der Partei selbst als Biedermänner auftreten, um damit das linke Lager umso mehr als Störenfried und Verfassungsfeind anprangern zu können.

Alle Podiumsteilnehmer_innen konnten auf unterschiedliche Weise ein Lied davon singen. Kolleg_innen der Ida-Ehre-Schule und der Max-Brauer-Schule berichteten von den massiven Angriffen der AfD durch Kleine parlamentarische Anfragen, in denen der politische Unterricht mit dem Verdacht belegt wurde, hier würde verfassungswidriges Handeln unterstützt. Beide berichteten zwar, dass diese Angriffe in der Summe das Kollegium habe zusammenrücken lassen, sie hinterließen aber auch Spuren, die zukünftiges Handeln beeinflussen könnten. Unser stellvertretender Vorsitzende Fredrik Dehnerdt konnte in diesem Zusammenhang einmal mehr zeigen, dass die GEW das Engagement der Kolleg_innen nicht nur unterstützt, sondern sich auch politisch bei derlei Angriffen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln vor die Kolleg_innen stellt. Die Leiterin der Öffentlichen Bücherhallen in Hamburg, Frauke Untiedt, berichtete, dass sie sich auf Grund dieser Anfragen fortwährend des Verdachts erwehren müsse, der Bestand in den Bücherhallen sei nicht ausgewogen. Wie man sich vorstellen kann: ein nicht ganz einfaches Geschäft, wenn gefordert wird, Bücher mit eindeutig rechtskonservativen Inhalten, bei denen die Grenzen zum Rechtsradikalismus fließend sind, aufzunehmen. Ameli Deufelhardt, die Hausherrin und Intendantin von Kampnagel, dagegen verwahrt sich vor dem Hintergrund der verfassungsrechtlichen Garantie der Kunstfreiheit gegen jegliche Einmischung von außen, was ihre Programmgestaltung betreffe. Dies habe sie auch dem Senator klarmachen können. Entsprechende Anfragen der AfD seien dementsprechend beantwortet worden.

Die Vertreterin des Bündnisses gegen rechts, Cornelia Kerth, hielt schließlich ein flammendes Plädoyer für die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens und Zusammenschlusses aller demokratischen Kräfte gegen die Gefahr von rechts. Dabei machte sie einmal mehr deutlich, dass eine Gleichsetzung von rechts und links, wie sie von weiten Teilen der Vertreter_innen der politischen Mitte immer wieder vorgenommen werde, entschieden begegnet werden müsse, was die unreflektierte Begrifflichkeit des Extremismus einschlösse.

Dass es nun darauf ankommt, organisierten Widerstand zu entwickeln, darüber waren sich die Beteiligten auf dem Podium einig. Der Moderatorin Carina Book gelang es auf hervorragende Weise, das Publikum in die Diskussion mit einzubeziehen. Am Ende wurde eine Abschlusserklärung verlesen und von allen Anwesenden unterstützt. Denn: „Es geht uns alle an“! – so das Motto der Tagung.

Joachim Geffers

 

„Hamburger Erklärung gegenseitiger Solidarität bei Angriffen von Rechts auf Bildung und Kultur“

verabschiedet auf der Tagung „Es geht uns alle an“ zu Strategien gegen Rechts in Bildung und Kultur am 25. und 26. Oktober 2019 auf Kampnagel

Wir als Aktive aus Bildung und Kultur erklären:Wir müssen handeln und Position beziehen!

Rechtspopulist*innen, Neonazis und extreme Rechteverfolgendas Ziel, gesellschaftliche Wertvorstellungen zu verschieben.Sie verbreiten Verschwörungstheorien und menschenverachtende Ideologien, um die diverse und demokratische Gesellschaft anzugreifen.Als deren zentrale Stützpfeiler machen sie Bildung und Kultur aus. Mit ihrem ‚Kulturkampf‘ wollen sie eine nationalistische, völkische und homogene ‚deutsche Leitkultur‘ durchsetzen.

Ob in Schule, am Theater oder im Betrieb: Wir alle sind verstärkt seit dem Einzug der AfD in die Parlamente von massiven Angriffen und Bedrohungen von Rechts betroffen. Rechtspopulist*innen, Neonazis und extreme Rechte stören Veranstaltungen, wollen in Spiel- und Lehrpläne eingreifen und versuchen die Freiheit von Bildung und Kunst einzuschränken. Sie schüren Misstrauen und stacheln zu Denunziationen auf.Wenn es nach ihnen gehen würde, soll unsere selbstverständlich demokratisch-antifaschistische Haltung diskreditiert und gesellschaftlich geächtet werden.

Wir treten für eine offene und plurale Gesellschaft ein und verwehren uns gegen Angriffe auf Demokratie und Menschenrechte.Wir sind überzeugt: Gemeinsam sind wir stärker und können den Angriffen von Rechts etwas entgegensetzen.Solidarischer Antifaschismus geht uns alle an – für eine vielfältige Gesellschaft!

Deswegen verpflichten wir uns als Aktive aus Bildung und Kultur in Hamburg:

- Wenn jemand von Rechtspopulist*innen, Neonazis und extremen Rechten angegriffen wird, treten wir für die Betroffenen ein. Wir unterstützen sie als Individuen und als Institutionen und ermutigen andere, sich uns anzuschließen.

- Wir wollen eine plurale, demokratische und inklusive Gesellschaft stärken.

- In unseren eigenen Tätigkeitsbereichen wollen wir für Inklusivität, Diskriminierungsfreiheit und vielfältige Zugänge eintreten.

- Wir schließen uns zusammen und verteidigen die Freiheit von Kunst, Wissenschaft und Bildung.