Die aktuellen Ergebnisse zur Arbeitszeit und Arbeitsbelastung von Lehrkräften mit Schulleitungsaufgaben in Berlin und Hamburg zeigen deutlich, dass die Leitungsteams an ihren Belastungsgrenzen angekommen sind. Viele Schulleiter*innen sowie Lehrkräfte mit Schulleitungsaufgaben arbeiten regelmäßig über fünfzig Stunden pro Woche, manche sogar über sechzig. Ein großer Teil dieser Zeit wird durch Verwaltungsaufgaben gebunden, während pädagogische Führung und Schulentwicklung zu kurz kommen. Damit fehlt ausgerechnet für die Aufgaben Zeit, die für die Qualität schulischer Bildung entscheidend sind.
Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg, macht klar, wie gravierend die Situation ist: „Laut Studie erleben viele Schulleitungen sowie Lehrkräfte mit Schulleitungsaufgaben ein Arbeitspensum und -tempo, das langfristig nicht tragfähig ist. Durch die Anforderungen von Unterricht, Verwaltung, Krisenmanagement und Elternarbeit bleibt kaum Raum für Pausen oder präventive Arbeit. Darunter leiden Orientierung, Gesundheitsprävention und ein stabiles Arbeitsklima für das Kollegium. Dies ist jedoch kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Gesundheitsschutz erfordert Zeit für die eigene Qualifizierung, Beratung, Beobachtung, Begleitung und vorausschauende Planung. Ohne diese Zeit wird der Gesundheitsschutz zur Nebensache und erhält nicht die notwendige Priorität.“
Benjamin Ehlers, Sprecher der AG Schulleitung in der GEW, ergänzt: „Menschen werden Schulleitung, weil sie aus innerer Überzeugung heraus Schule gestalten und verbessern möchten. Hamburg setzt innerhalb des Konzepts der selbstverwalteten Schule großes Vertrauen in seine Schulleitungen. Doch die enorme Aufgabenfülle, kombiniert mit knapper Zeit und fehlender Unterstützung, bringt viele an ihre Grenzen. Ich kenne mehrere Kolleg*innen, die diese Belastung körperlich wie seelisch kaum noch bewältigen und über eine Abgabe von Verantwortung nachdenken. Damit gute Schulentwicklung gelingt und Schulleitungen gesund bleiben, braucht es ausreichende Zeitressourcen und ein organisatorisches Umfeld, das ihre Gesundheit schützt.“
Auch aus wissenschaftlicher Perspektive wird das bestätigt. Dr. Frank Mußmann, Leiter der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften an der Universität Göttingen, sieht in den Befunden ein deutliches strukturelles Problem. „Unsere Daten zeigen eindeutig: Die extremen Arbeitszeiten der Lehrkräfte mit Schulleitungsaufgaben sind kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. So lässt sich ein Schulsystem nicht dauerhaft stabil halten oder gar zeitgemäß fortentwickeln.“ Er unterstreicht damit die Notwendigkeit politischer Entscheidungen, die die Arbeitsbedingungen grundlegend verbessern (Link zur PM der Uni Göttingen: https://kooperationsstelle.uni-goettingen.de/fileadmin/sonderauswertung_lehrkrfte_mit_schulleitungsaufgaben/projekte/kooperationsstelle/25-12-02_PI_Schulleitungen_in_Berlin_und_Hamburg_final.pdf).
Vor diesem Hintergrund formuliert Heimbüchel die Erwartungen der GEW Hamburg klar: „Das System darf sich nicht länger auf Selbstaufopferung verlassen, um auskömmlich zu sein. Benötigt werden realistische Arbeitszeitregelungen, eine digitale Zeiterfassung, eine stärkere administrative Unterstützung sowie ausreichend Zeit für Gesundheitsschutz und pädagogische Entwicklung. Schulleitungen sowie Lehrkräfte mit Schulleitungsaufgaben wollen Verantwortung übernehmen – jetzt muss die Politik sicherstellen, dass sie dies auch gesund tun können. Die Frage ist nicht, ob wir Entlastung leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten. Wenn wir eine moderne, inklusive und digitale Schule wollen – dann muss die Schulleitung mit den Mitteln ausgestattet werden, die sie braucht. Sonst bleibt die Vision nur ein Traum.“
Du willst eintreten? Herzlich willkommen!
Hintergrund:
Mehr als 1.000 Hamburger Lehrkräfte aus Stadtteilschulen und Gymnasien haben während des gesamten zweiten Halbjahrs des Schuljahres 2023/2024 aktiv an der Studie teilgenommen und ihre Arbeitszeit dokumentiert. Mit ihrem freiwilligen Engagement unterstützten sie eine wissenschaftliche Analyse der Arbeitsbelastung von Hamburger Lehrkräften durch die Kooperationsstelle der Universität Göttingen.
Im Unterschied zu den bisherigen Arbeitspapieren mit Ergebnissen basiert diese Ausgabe überwiegend auf einer Sonderbefragung von Lehrkräften mit Schulleitungsaufgaben aus Berlin und Hamburg, die zwischen dem 17. Mai und 2. Juni 2024 parallel in beiden Bundesländern stattgefunden hat. An der Befragung haben 73 Personen aus Hamburg und 243 Personen aus Berlin teilgenommen. Hinzu kommen Arbeitszeitbilanzen von 206 Lehrkräften, die an der Arbeitszeiterfassung teilgenommen haben. Der Endbericht mit allen Ergebnissen zur Arbeitszeit, Arbeitsbelastung und dem Stand der Digitalisierung in Hamburger Schulen wird in Kürze veröffentlicht.
Im Anhang finden sich das Arbeitspapier Nr. 9, die Göttinger Präsentation auf der Presskonferenz und die Göttinger Pressemeldung.

