Angesichts der aktuellen Berichterstattung über Unterrichtsausfall an Hamburgs Schulen weist die GEW Hamburg darauf hin, dass Stundenausfall nicht isoliert betrachtet werden darf. Fehlzeiten von Lehrkräften entstehen nicht nur durch kurzfristige Erkrankungen – sie sind auch Ausdruck eines seit Jahren zunehmend ungesunden Arbeitsumfelds. Eine aktuelle Arbeitszeit- und Belastungsstudie der Kooperationsstelle der Universität Göttingen belegt deutlich: Die Mehrheit der Lehrkräfte befindet sich im Bereich erhöhter Gesundheitsrisiken.
Belastungsstudie zeigt ein strukturelles Gesundheitsproblem
Nach dieser Studie liegt der Anteil der Krankheitszeit bei vollzeitbeschäftigten Lehrkräften an Gymnasien und Stadtteilschulen im Durchschnitt zwischen 4,6 und 5,1 Prozent der Unterrichtszeit. Schon frühere Daten zeigten eine Zunahme der Krankenstände, die sich seitdem verfestigt hat. Der Gesamtpersonalrat weist zudem darauf hin, dass diese Werte – anders als branchenübliche Krankenstände – lediglich auf die Unterrichtszeit bezogen sind. Krankheitsfälle in unterrichtsfreien Zeiten sowie Präsentismus, also Arbeiten trotz Krankheit, bleiben unberücksichtigt und führen zu einer systematischen Unterschätzung der tatsächlichen Belastungen. Hinzu kommt: Langfristige Erkrankungen, vielfach ausgelöst durch Burnout, machen zwar nur einen geringen Anteil der Krankheitsfälle aus, führen aber zu überproportional vielen Fehltagen. Sie sind ein deutlicher Indikator dafür, dass die Arbeitsbedingungen in Schulen vielerorts nicht gesundheitsgerecht ausgestaltet sind.
„Kein Wunder, dass die Krankenstände zunehmen.“
„Laut aktueller Studie befindet sich die Mehrheit der Lehrkräfte im Bereich erhöhter Gesundheitsrisiken. Sie haben den Eindruck, dass sich die Arbeitsintensität immer weiter erhöht. – Kein Wunder, dass die Krankenstände zunehmen. Die Studie deckt deutliche Missstände auf, darunter andauernde Mehrarbeit, wiederkehrende Spitzenbelastungen ohne ausreichende Erholungszeiten, Belastungen durch unzureichende Digitalisierung sowie ungelöste Herausforderungen durch bestehenden Personalmangel. Bessere Arbeitsbedingungen sind der Schlüssel zu besserer Gesundheit – und nicht zuletzt zu besserer Bildung“, so Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg.
„Die Kolleginnen und Kollegen stehen unter enormem Druck.“
Die Lehrkräfte in Hamburg sind systematisch überlastet, schleppen sich regelmäßig krank in die Schule und brechen dann ‚im Idealfall‘ jeweils zum Ferienbeginn zusammen. Diese Überlastung überträgt sich auf das übrige schulische Personal, das deren Ausfälle kompensieren muss“, so Jan Voß, Vorsitzender des Gesamtpersonalrats (GPR). „Gerade in den Grundschulen trügt das statistische Bild. Fällt dort eine Lehrkraft aus, wird die Klasse häufig aufgeteilt oder durch eine Erzieherin bzw. einen Erzieher ‚betreut‘. Dass in diesen betreuten oder aufgeteilten Stunden kein qualitativ gleichwertiges Lernen für die Schülerinnen und Schüler möglich ist, liegt auf der Hand. Dennoch werden diese Situationen nicht als entfallener Unterricht erfasst – so erklärt sich die überraschende Ausfallquote von 0,00 Prozent an einzelnen Grundschulen.“ Voß weiter: „Diese Realität an den Schulen und die Untersuchungen der Gewerkschaften in Hamburg und bundesweit belegen eindrücklich, unter welchem Druck die Kolleginnen und Kollegen und das gesamte Hamburger Schulsystem stehen. Wir brauchen endlich wirksame und nachhaltige Verbesserungen der Arbeitsbedingungen – sonst wird die flächendeckende Vertretung bald zum Regelfall und die neue Richtlinie zur täglichen Pflichtlektüre an Hamburger Schulen.“
Stadtteilschulen besonders belastet – trotz geringerem Krankenstand
Auch der Blick auf die Schulen verdeutlicht die Problematik: Während Unterrichtsausfälle in der öffentlichen Debatte häufig monokausal mit „hohem Krankenstand“ verknüpft werden, zeigt sich, dass insbesondere Stadtteilschulen durch anspruchsvolle pädagogische Aufgaben schwerer vertreten können. Der Krankenstand ist dort nicht am höchsten – der Vertretungsaufwand jedoch enorm. Darunter leiden sowohl die Unterrichtsorganisation als auch die Arbeitsbelastung der Kollegien.
Arbeitsbedingungen verbessern statt Verantwortung verlagern
„Statt Lernende gänzlich dem eigenverantwortlichen Lernen zu überlassen oder Doppelbetreuung als Vertretung zu verstehen, fordert die GEW Hamburg eine konsequente Verbesserung der Arbeitsbedingungen, um die Zahl der Krankentage – und somit die Zahl der erforderlichen Vertretungen – zu senken. Dazu zählen unter anderem ein nachhaltiger Ausbau der personellen Versorgung, die Wiederaufnahme und Erweiterung entlastender Maßnahmen für ältere Beschäftigte, eine gesicherte digitale Ausstattung aller Schulen sowie die vollständige Umsetzung der gesetzlich vorgesehenen Arbeitszeiterfassung als Instrument des Gesundheitsschutzes“, so Heimbüchel.
Gute Bildung braucht gesunde Lehrkräfte
Ein gesunder Arbeitsplatz ist Grundvoraussetzung für guten Unterricht. Wer Unterrichtsausfall ernsthaft reduzieren will, muss bei den Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte ansetzen – nicht bei kurzfristigen organisatorischen Maßnahmen.
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Bild: Chat GPT
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