Die heute veröffentlichten Ergebnisse der Arbeitszeit- und Belastungsstudie der Universität Göttingen zeigen erstmals auf wissenschaftlich fundierter Basis: Hamburgs Lehrkräfte arbeiten deutlich mehr, als die bestehende Lehrerarbeitszeitverordnung vorsieht und arbeiten somit regelmäßig über der Belastungsgrenze.
Im Durchschnitt überschreiten die befragten Lehrkräfte die jährliche Soll-Arbeitszeit von 1.770 Stunden um rund 75 Stunden. Besonders alarmierend: Ein Viertel der Vollzeitkräfte überschreitet während der Schulzeit die gesetzlich zulässige Höchstarbeitszeit von 48 Wochenstunden.
Insgesamt haben 735 Lehrkräfte im zweiten Schulhalbjahr 2023/24 ihre Arbeitszeit dokumentiert. Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: 63 Prozent der Lehrkräfte leisten Mehrarbeit, häufig in Form von Abend- und Wochenendarbeit, wiederkehrenden Spitzenbelastungen und ohne ausreichende Erholungszeiten.
„Es wird Zeit für echte Zeit“
„Die Studie ist der lange geforderte Realitätscheck für das Hamburger Planungsmodell“, erklärt Sven Quiring, Vorsitzender der GEW Hamburg. „Die starre Lehrerarbeitszeitverordnung von 2003 bildet die tatsächliche Arbeitszeit längst nicht mehr ab. Zwei Stunden pro Woche fehlen systematisch, neue Aufgaben summieren sich inzwischen auf über zehn Stunden wöchentlich. Pädagogische Kernaufgaben wie Klassenleitung (insbesondere in Stadtteilschulen) sowie Vor- und Nachbereitung (insbesondere in Gymnasien) sprengen regelmäßig die Vorgaben. Es wird Zeit zum Handeln, es wird Zeit für echte Zeit!“
„Wenn im Durchschnitt ein Viertel der Lehrkräfte die gesetzliche Höchstarbeitszeit überschreitet, ist das ein klarer Verstoß gegen den Arbeitsschutz. Hier handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem. Gute Bildung in Hamburg braucht dringend spürbare Entlastungen und mehr Personal“, warnt auch Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg. „Die Studie zeigt ein bedrückendes Bild der Arbeitsrealität an Hamburgs Schulen: Wachsende außerunterrichtliche Aufgaben, die sich immer stärker in den Arbeitsalltag schieben, sowie überlange Arbeitstage, wiederkehrende Spitzenbelastungen und fehlende Erholungsphasen führen häufig zu einer problematischen Work-Life-Balance und Konflikten bei Sorgearbeit. Hier braucht es endlich die gesetzlich vorgegebene Arbeitszeiterfassung als Instrument für Arbeitsschutz und Belastungsmonitoring – nicht als Kontrollinstrument.“
Die Studie zeigt neben weiteren Belastungsfaktoren wie strukturellen Engpässen und hohen emotionalen Beanspruchungen auch zum ersten Mal den digitalen Stress auf, unter dem Lehrkräfte leiden. „Nicht fehlende Kompetenzen oder Schulungen sind das Problem, sondern unzureichend gestaltete digitale Systeme belasten zusätzlich und erhöhen den Druck. Es braucht gemeinsam gestaltete Konzepte und fachliche Unterstützung vor Ort“, hält Bodo Haß, 2.stellvertrender Vorsitzender, fest.
Nicht zuletzt stürzt der Lehrkräfteberuf in die Gratifikationskrise. „Die Behörde muss die 2022 zurückgenommenen Vorgaben zum altersgerechten Arbeiten wieder einführen und der Initiative des Gesamtpersonalrates folgen: Es braucht eine Dienstvereinbarung zum altersgerechten Arbeiten!“, fordert Jan Voß, Vorsitzender des Gesamtpersonalrates.
Forderungen der GEW Hamburg im Überblick
Um die akute Überlastung zu entschärfen, fordert die GEW Hamburg:
- 350 zusätzliche Vollzeitstellen, um die jährlich anfallenden rund 625.000 Überstunden zu kompensieren.
- Verbindliche Arbeitszeiterfassung als Instrument für Arbeitsschutz und Belastungsmonitoring – nicht als Kontrollinstrument.
- Anpassung der Lehrerarbeitszeitverordnung durch die Erhöhung der Faktoren für unterrichtsbezogene Aufgaben und somit mehr Zeit für die pädagogischen Kernaufgaben.
- Eigenständige Zeitbudgets für Leitungsaufgaben, die separat und zusätzlich ausgewiesen werden müssen, statt aus dem allgemeinen Stundenpool entnommen zu werden.
- Strategien und Konzepte zur Digitalisierung und Medienbildung vor Ort, um den Digitalisierungsstress zu mindern.
- Eine Dienstvereinbarung für altersgerechtes Arbeiten, um die Arbeitskraft auch im Alter zu erhalten und den Beruf langfristig attraktiv werden zu lassen.
Hintergrund zur Studie
Die Studie wird von der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen durchgeführt und von der GEW Hamburg unterstützt. Sie liefert erstmals umfassende und valide Daten zur tatsächlichen Arbeitszeit der Lehrkräfte in Hamburg.
Die Ergebnisse offenbaren nicht nur überhöhte Arbeitszeiten, sondern auch ein klares Muster: Hohe Identifikation mit dem Beruf trifft auf massive Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen – ein Faktor, der die Attraktivität des Lehrerberufs in Hamburg weiter sinken lässt.
Foto: GEW Hamburg

