Bis die Ergebnisse der groß angelegten Arbeitszeit- und Belastungsstudie im Sommer 2025 vorliegen, werden Aspekte der Arbeitsbelastung von Lehrkräften in Arbeitspapieren thematisiert.
Die aktuelle Sonderauswertung zu den Arbeits- und Gesundheitsbedingungen von Lehrkräften in Hamburg fordert zum Handeln auf: Zwischen der Hälfte und zwei Dritteln der Hamburger Lehrkräfte befinden sich im Bereich eines erhöhten Gesundheitsrisikos, insbesondere im Hinblick auf psychische Erschöpfung und fehlendes Wohlbefinden (Wellbeing). Die Ergebnisse verdeutlichen nicht nur den hohen Belastungsgrad im Vergleich zu anderen Berufen, sondern auch ein höheres Risiko im Vergleich zu früheren Erhebungen in anderen Bundesländern.
Arbeitsbedingungen und psychische Gesundheit: Ein Teufelskreis
Die Analyse deckt auf, dass die Arbeitsbedingungen an Hamburger Schulen maßgeblich zu den erhöhten Gesundheitsrisiken beitragen. Hoher Zeitdruck, Mehrarbeit und ein Übermaß an außerunterrichtlichen Aufgaben führen zu einer erheblichen Belastung des Berufs- und Privatlebens. 26 % der Lehrkräfte sehen sich sehr häufig zu einem Arbeitstempo gezwungen, das ihnen gesundheitlich schadet. 24 % erklären, dass sie keine Zeit mehr für private Verpflichtungen und Interessen haben. Vor allem Eltern erleben deshalb häufig häusliche Konflikte und Stress z. B. um die Verteilung der Sorgearbeit. Neben Burnout leiden 29 % der Lehrkräfte an einer sogenannten Gratifikationskrise – einer Wahrnehmung, dass das Tauschverhältnis zwischen Gratifikationen wie Gehalt, beruflicher Erfolg und soziale Anerkennung (Reward) in keinem angemessenen Verhältnis mehr zu den tatsächlichen Anstrengungen (Effort) im Schulalltag steht. Die schlechte Nachricht: Viele Hamburger Lehrkräfte erwarten eine weitere Verschlechterung ihrer beruflichen Situation. Das trübt nicht nur die Stimmung, sondern hat auch Auswirkungen auf die Resilienz. Mit gezielten Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes könnte das Gesundheitsrisiko von Lehrkräften im Hamburger Schuldienst aber reduziert werden.
Verbesserte Personalausstattung und Reduktion von Zeitdruck und Aufgaben
Auch wenn Hamburg sich bei der Einstellung von Lehrkräften im Bundesvergleich verbessert, sind die Statistiken weiterhin so alarmierend, dass die Behörde selbst im letzten Jahr ein Projekt zu Personalgesundheit eingeführt hat. Um die Attraktivität des Lehramts und die Gesundheit der Lehrkräfte langfristig zu fördern, sind Investitionen in zusätzliches Personal notwendig. Der Zeitdruck, das Arbeitspensum und die Summe der Leistungsanforderungen sind insgesamt zu hoch und Entlastungen notwendig. Zudem hat sich gezeigt, dass weitere Verbesserungen der IT-Infrastruktur und eine Reduktion des digitalen Stresses helfen würden.
GEW fordert konkrete Entlastungsmaßnahmen für Lehrkräfte
„Lehrkräfte müssen bei akuten Überlastungen zeitnah Unterstützung erhalten“, betont Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg. Sie schlägt vor, eine verbindliche Arbeitszeiterfassung einzuführen, um Überlastungssituationen frühzeitig zu identifizieren und gemeinsam mit den Lehrkräften Lösungen zu erarbeiten. „Es ist höchste Zeit, dass die Hamburgische Schulbehörde hier aktiv wird und konkrete Maßnahmen zur Entlastung ergreift.“
„Auch bei außerunterrichtlichen Aufgaben, wie Verwaltungs- oder sozialpädagogischen Tätigkeiten, sollten andere Berufsgruppen gezielt entlastend eingreifen“, so Heimbüchel weiter. Besonders die Digitalisierung des Schulwesens werde von vielen Lehrkräften als zusätzliche Belastung wahrgenommen. „Die technische Infrastruktur muss benutzerfreundlich gestaltet und der IT-Support zuverlässig bereitgestellt werden.“ Zudem müsse die Digitalisierung so umgesetzt werden, dass sie die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte verringere, statt sie zu erhöhen.
„Wir fordern die Schulbehörde auf, glaubwürdige und nachhaltige Maßnahmen voranzutreiben“, erklärt Heimbüchel abschließend. „Ein richtiger Ansatz ist das Projekt Personalgesundheit, welches die Behörde im letzten Jahr aufgesetzt hat. Die Erwartungen hieran sind vor dem Hintergrund der Studienergebnisse jedoch gewachsen: Es darf nicht bei neuen Broschüren und weiteren Resilienzschulungen für die Kollegien bleiben. Das Projekt muss Neuerungen wagen und Ressourcen in die Hand nehmen. Nur so kann die derzeitige negative Grundstimmung aufgebrochen werden. Allein die Aussicht auf künftige Verbesserungen würde bereits positive gesundheitliche Effekte bringen – umso mehr, wenn diese Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden.“
Die Arbeitspapiere finden sich im download.
Hintergrund:
Mehr als 1.000 Hamburger Lehrkräfte aus Stadtteilschulen und Gymnasien haben während des gesamten zweiten Halbjahrs des Schuljahres 2023/2024 aktiv an der Studie teilgenommen und ihre Arbeitszeit dokumentiert. Mit ihrem freiwilligen Engagement unterstützten sie eine wissenschaftliche Analyse der Arbeitsbelastung von Hamburger Lehrkräften durch die Kooperationsstelle der Universität Göttingen. Die Arbeitszeitbelastung durch unterschiedliche Tätigkeiten, das Verhältnis von Soll-Vorgaben und realen Arbeitszeiten und die Verteilung der Belastung unter den Lehrkräften sollte dokumentiert werden, um Daten für eine Diskussion über Fehlsteuerungen und Ansatzpunkte zur Entlastung zur Verfügung zu stellen.
Bis die Arbeitszeitbefunde im Sommer 2025 vorliegen, werden in Arbeitspapieren weitere Aspekte der Arbeitsbelastung von Lehrkräften thematisiert. Dazu wurden 1.090 Lehrkräfte zu ihrer Arbeitssituation sowie zum Stand der Umsetzung des digitalen Lehrens und Lernens an ihrer Schule befragt. Die Umfrage fand in zwei Teilen im April und August 2024 statt. Mit Hilfe der Arbeitspapiere können die aus den aktuellen Anforderungen resultierenden Arbeitsbelastungen und das Niveau des digitalen Stresses bei der Arbeit beleuchtet werden.

