Schulen stehen inmitten gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die in den pädagogischen Alltag hineinreichen: verfassungswidrige Symbole an Tischen und Wänden, Hate Speech im Klassenchat, rassistische, queerfeindliche oder antisemitische Äußerungen im Unterricht – immer häufiger müssen Lehrkräfte auf solche Vorfälle reagieren.
Zugleich berichten Lehrkräfte vermehrt von Anfeindungen, diffamierenden Kampagnen und persönlichen Bedrohungen, die darauf abzielen, sie einzuschüchtern. Es wächst die Verunsicherung darüber, ob und wie sie sich angemessen zu kontroversen politischen Themen positionieren dürfen, ohne beschuldigt zu werden, gegen ein vermeintliches Neutralitätsgebot zu verstoßen.
Gerade jetzt braucht es deshalb Orientierung, Klarheit und Unterstützung in Form von rechtlicher und pädagogischer Grundlagen. Hier setzt die Broschüre „Mythos Neutralität: Demokratie stärken und Haltung zeigen im Schulalltag“ des Bündnisses „Schule zeigt Haltung“ aus GEW, Greenpeace, Teachers for Future, Bundesschülerkonferenz und der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) an.
Jetzt die Petition unterzeichnen!
Praxisnahe juristische und pädagogische Expertise
Die 28 Seiten umfassende Publikation bietet Orientierung bei Unsicherheiten und Konflikten im Schulalltag, klärt rechtliche Rahmenbedingungen, didaktische Leitlinien und vermittelt praktische Impulse für reflektiertes, professionelles Handeln. Ziel ist es, Handlungssicherheit zu stärken und zu ermutigen, eine demokratische und menschenrechtsorientierte Haltung einzunehmen – im Einklang mit dem staatlichen Bildungsauftrag.
Es finden sich Fragen und Antworten zu typischen Unsicherheiten im Umgang mit menschen- oder demokratiefeindlichen Positionen. Konkrete Fallbeispiele geben Orientierung für schwierige Situationen. Ergänzt wird dies durch Hinweise auf Unterstützungsangebote – von schulischen und gewerkschaftlichen Strukturen über Beratungsstellen bis zu Landeszentralen für politische Bildung und Landesdemokratiezentren.
Lehrkräfte stärken - jetzt!
Inhalte der Broschüre
Die Publikation ist in folgende Kapitel gegliedert: der Neutralitätsmythos, politisches Engagement, Äußerungen im Unterricht, Symbole im Unterricht, Unterstützung von Schüler*innen, Konflikte mit Eltern, Konflikte im Kollegium, Konflikte mit der Schulleitung, Untätigkeit der Schulleitung, Ursprung und Begriff des Schulfriedens, Prinzipien politischer Bildung, Faktenbasis statt Fake News, Handlungsempfehlungen für den Schulalltag.
Die konkreten Handlungsempfehlungen beziehen sich auf die gesamtschulische Ebene, die pädagogische Ebene und die Unterrichtsebene. Zudem gibt es Tipps für den Umgang mit verfassungsfeindlichen Zwischenfällen und Elternbeschwerden oder Einschüchterungsversuchen.
Die Empfehlungen auf Unterrichtsebene lauten etwa:
- Eine konstruktive Diskussionskultur etablieren, in der kontroverse Themen kritisch erörtert werden können.
- Vielfalt von Perspektiven – insbesondere marginalisierten – in Materialien und Diskussionen sichtbar machen.
- Grenzen der Kontroversität verteidigen – wo Menschenwürde oder demokratische Grundwerte verletzt werden, klar widersprechen.
- Neue, ungewohnte Standpunkte der Lernenden einbeziehen und gemeinsam reflektieren, welche Stimmen gehört wurden und welche nicht.
Aktiv gegen Rechts - für Demokratie und Zusammenhalt
Empfehlungen auf gesamtschulischer Ebene
- Demokratisches Leitbild entwickeln: Ein klares Bekenntnis der Schule zum demokratischen Bildungsauftrag hilft allen Kolleg*innen dabei, diesen Auftrag anzunehmen und individuell Haltung zu zeigen. Ein Leitbild, das mit allen Beteiligten gemeinsam entwickelt wurde, kann dem Kollegium und der Schule als System bei antidemokratischen Angriffen Orientierung bieten.
- Schutzkonzepte etablieren: Schutz- und Präventionskonzepte können nicht nur gegen sexualisierte Gewalt, sondern auch gegen Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausgerichtet sein. Sie verankern Antidiskriminierung strukturell, etablieren einen klaren und verbindlichen Verhaltenskodex sowie schulinterne Fortbildungen und eine regelmäßige Überprüfung.
- Krisenplan/Handlungsleitfaden erstellen: Schulinterne Vereinbarungen über klare Handlungsketten für den Umgang mit Einschüchterungsversuchen, Beschwerden und Meldeportalen geben Sicherheit: Wer ist Ansprechperson? Wie dokumentieren wir? Wann informieren wir die Schulleitung, die Schulaufsichtsbehörden, den Personalrat, die Gewerkschaft, externe Beratungs- und Unterstützungsstrukturen oder gar die Polizei?
- Fortbildungen organisieren: Fortbildungen innerhalb oder außerhalb der Schule zu politischer Bildung als Querschnittsaufgabe aller Fächer, zu demokratischer Schulentwicklung, zum Umgang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Diskriminierungen oder zu rechtlichen Fragen schaffen Handlungssicherheit und geben Anregungen für die Weiterentwicklung der Schule.
- Netzwerke bilden: Die Zusammenarbeit mit demokratischen und zivilgesellschaftlichen Organisationen stärkt Schulen in der Erfüllung ihres demokratischen Bildungsauftrages.
Debatte um „Neutralität“ im Klassenzimmer
Lehrkräfte müssen nicht neutral sein
Das hat der Beutelsbacher Konsens damit zu tun
Demokratiebildung ist zentraler Bestandteil des staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule. Die Landesschulgesetze beschreiben die Ziele. Lehrkräfte sollen demokratische Werte wie Würde und Gleichheit aller Menschen, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität vermitteln.
Wenn es in der Schule um politische Bildung geht, müssen sich Lehrkräfte nicht neutral verhalten. Es ist wichtig, verschiedene Blickwinkel zu beleuchten. Lehrkräfte sollen auf Basis des Grundgesetzes eine klare Haltung gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Gewaltverherrlichung und menschenverachtende Aussagen zeigen.
Oft fällt das Stichwort ’Beutelsbacher Konsens’. Er ist ein in den 1970er-Jahren formulierter Minimalkonsens für den Politikunterricht in Deutschland. Er darf nicht mit dem parteipolitischen Neutralitätsgebot des Staates verwechselt werden. Der Konsens formuliert drei zentrale didaktische Prinzipien politischer Bildung: das Überwältigungs- bzw. Indoktrinationsverbot, das Kontroversitätsgebot sowie das Ziel, dass Schüler*innen zur politischen Teilhabe befähigt werden sollen. Lehrkräfte dürfen ihre eigene politische Meinung ausdrücken, diese aber nicht als allgemeingültig darstellen. Kontroverse Themen müssen multiperspektivisch behandelt werden.

