Mit einer symbolischen Übergabe hat die GEW Hamburg gestern ihre Petition für eine Alternative zum Religionsunterricht an die Hamburger Politik überreicht. Fast 5.000 Unterstützer*innen haben die Forderung unterschrieben, Eltern und Kindern in den Klassen 1 bis 6 künftig eine echte Wahlmöglichkeit zwischen dem Religionsunterricht „für alle“ und einem Fach Philosophie/Ethik zu ermöglichen.
Vertreter*innen der GEW machten bei der Übergabe deutlich: In einer vielfältigen und weltanschaulich pluralen Stadt wie Hamburg braucht es ein Unterrichtsangebot, das allen Kindern offensteht – unabhängig von religiöser Bindung oder persönlicher Überzeugung. Viele Eltern wünschten sich seit Jahren eine gleichwertige Alternative zum bisherigen Religionsunterricht.
Die Unterstützung für die Petition zeigt, dass das Thema viele Menschen bewegt. Zahlreiche Unterzeichner*innen haben ihre Zustimmung nicht nur mit ihrer Unterschrift, sondern auch mit persönlichen Erfahrungen und politischen Forderungen verbunden.
Viele Unterstützer*innen haben bei OpenPetition Kommentare hinterlassen, von denen wir unten einige wiedergeben.
Das NDR Hamburg Journal berichtete unter dem Titel Lehrergewerkschaft fordert Ethik statt Religion bereits ab Klasse 1. Das Abendblatt berichtete bereits am 28. Mai: Religionsunterricht an Grundschulen in Hamburg: Muss mein Kind nicht teilnehmen? (Paywall).
Bei der Petitionsübergabe richtete unser Vorsitzender Sven Quiring folgende Worte an die Vorsitzende des Eingabenausschusses:
Sehr geehrte Frau Abgeordnete Botzenhart,
als Vorsitzender der GEW Hamburg möchte ich Ihnen als Vorsitzende des Eingabenausschusses der Hamburgischen Bürgerschaft eine Petition mit fast 5000 Unterzeicher*innen übergeben. Gesammelt wurden Sie auf der Petitionsplattform OpenPetition, zu einem beträchtlichen Teil aber auch im direkten Gespräch auf Wochenmärkten, am Rende von Veranstaltungen. Gefordert wird eine Alternative zum Monopol des Religionsunterrichts für alle in der Grundschule sowie den Klassen 5 und 6. Weit über die Hälfte der Bürger unserer schönen und weltoffenen Stadt gehören keiner Religionsgesellschaft an, sind nicht gläubig. Sie können sich nicht entscheiden, ein Fach Philosophie/Ethik für ihre noch nicht religionsmündigen Kinder zu wählen, weil es in Hamburg einfach nicht angeboten wird. Im Gegensatz zu den meisten Bundesländern, im Gegensatz auch zu den Jahrgängen 7 bis 12/13 der Hamburger Schulen. Schlimmer noch, Hamburg informiert die entsprechenden Eltern nicht einmal seriös über ihr Grund!-Recht, sich für die Nicht-Teilnahme am Religionsunterricht zu entscheiden.
Vielleicht fragen sie sich wie es zu der Zahl von 4720 Unterzeichner kommt. Angesichts der Sorge vieler Eltern, dass es ihren Kindern schaden könnte, wenn ihre Ablehnung des Religionsunterrichts in der Schule bekannt wird, wenn sie ihr Recht auf Abmeldung durchsetzen. Klassenkameraden fragen ihre Mitschüler, Lehrer machen vielleicht unvorsichtige Bemerkungen in der Klasse, warum eine Schüler*in während des Religionsunterrichts im Gruppenraum der Nachbarklasse oder gar stillbeschäftigt in der Pausenhalle zubringt. Diese Sorgen hat uns vielfach erreicht, sind z.T. auch im Internet dokumentiert.
Ich danke all den Unterzeichner*innen, den Aktiven in meiner Gewerkschaft und all den anderen Unterstützer*innen.
Liebe Frau Botzenhart, wir setzen auf die Weisheit und den Mut des Eingabenausschusses, dem unbefriedigenden Zustand des Hamburger Religionsunterrichts der Religionsgemeinschaften mit seiner Selbstbezeichnung „für alle“ in den Klassen 1 – 6 der Hamburger Schulen ein Ende zu bereiten.
Elternkommentare
Judith G., Hamburg: Wir sind Atheisten und hatten leider keine Wahlmöglichkeit.
Jonathan R., Hamburg: Meine Kinder mussten und müssen immer noch Religion besuchen, wenn sie nicht Schulausfall haben wollen, obwohl Religion Privatsache ist.
Christian B., Hamburg: Unsere Tochter schließt gerade die Grundschule ab, und es gab viele Situationen in der Klasse/Schule in denen sie von anderen, gläubigen Mitschülern aufgezogen und angegangen wurde, weil unsere Familie nichts mit jedweder Religion zu tun haben möchte.
Jens S., Hamburg: Ich selbst bei meinem Kind erlebt habe, dass nicht-religiöse keine Alternativangebote erhalten.
Joachim T., Hamburg: Mein Sohn besucht die vierte Klasse. In den letzten Schuljahren haben christliche Inhalte den Großteil des Lehrplans bestimmt.
Antje K., Hamburg: Auf meine Nachfrage, die Kinder abmelden zu dürfen, wurde ich zu einem Gespräch mit der Schulleitung gebeten, wo mir erklärt wurde, dass ich das zwar tun könne, aber nicht klar wäre, in welche Klasse meine Kinder dann jeweils während der Religionsstunden geschickt werden würden. Faktisch kommt das Kind vom Religionsunterricht abzumelden einer Bestrafung des Kindes gleich.
Melanie W., Hamburg: Als atheistische Familie müssen meine Kinder seit Jahren am Hamburger Religionsunterricht teilnehmen, der alles andere als ein sachlicher Infounterricht ist!!! Sätze wie "Gott ist allmächtig" musste mein Sohn aufschreiben.
Andrea O., Hamburg: Wir wurden über die Möglichkeit einer Abmeldung nicht informiert wurden. Die Schulleitungen in der Grundschule und in der weiterführenden Schule haben darauf hingearbeitet haben, dass wir unseren Antrag auf Abmeldung vom Religionsunterricht zurückziehen.
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