Was wir schon immer dachten, jetzt ist es wissenschaftlich nachgewiesen: Lehrkräfte in Hamburg arbeiten über ihre SOLL-Vorgabe von 46.57 Wochenstunden (Lehrerarbeitszeitverordnung).
Liebe Leserinnen und Leser,
die Ergebnisse der Arbeitszeitstudie sind da! Auf der Pressekonferenz am 29. September 2025 stellte sie Dr. Frank Mußmann von der Kooperationsstelle Gewerkschaften und Hochschulen an der Universität Göttingen vor. Die Presse war gut vertreten (Deutsche Presseagentur, Hamburger Abendblatt, Hamburger Morgenpost, NDR, Sat1), auch die Vorsitzenden der GEW und der Lehrerkammer waren anwesend.

Pressekonferenz am 29.9.2025 (v.l.n.r): Sven Quiring (GEW-Vorsitzender), Dr. Thomas Hardwig und Dr. Frank Mußmann (Kooperationsstelle Gewerkschaften und Hochschulen an der Universität Göttingen), Yvonne Heimbüchel (GEW-Stellvertretende Vorsitzende), Kai Kobelt (Vorsitzender der Lehrerkammer Hamburg)
Die Ergebnisse im Einzelnen:
Die Beteiligung
Durchgehend haben sich 735 Lehrkräfte an 111 Stadtteilschulen und Gymnasien in 19 Schulwochen an der Arbeitszeiterfassung beteiligt.
Die SOLL- und die IST-Arbeitszeit
Die Sollarbeitszeit von jährlich 1770 Stunden wurde mit 1845 Stunden IST-Arbeit überschritten. Also um 75 Mehrstunden! Berechnet auf 38 Schulwochen leisten Lehrkräfte demnach wöchentlich rund zwei Überstunden. Um diese Mehrarbeit auszugleichen, würden allein in den Sekundarschulen zusätzlich über 350 Vollzeitstellen benötigt.
Die Mehrarbeitsbilanz
- 63 % der Lehrkräfte leisten also Mehrbeit und liegen über ihrem individuellen SOLL, 37 % liegen darunter. Die Mehrarbeit entsteht vor allem bei Vor- und Nachbereitung des Unterrichts.
- 25 % der Vollzeitkräfte arbeiten in den Schulwochen mehr als 48 Stunden und überschreiten damit die geltenden Arbeitsschutznormen.
- Noch höhere Anteile von Mehrarbeit erbringen Lehrkräfte an Gymnasien, Teilzeitkräfte, Lehrkräfte mit Schulleitungsaufgaben und ältere Lehrkräfte.
Zu hohe Arbeitszeiten, nur die Spitze des Eisbergs
Die Ergebnisse der von der Kooperationsstelle Göttingen durchgeführten Belastungsstudien im 2. Halbjahr 2024/25 (nachzulesen in unseren Newsletter #14 bis #17) zeigten, dass durchschnittlich 60 % der Lehrkräfte sich im Gesundheitsrisiko (Burnout-Gefahr) befinden.
Dies wird hervorgerufen durch
- anwachsende außerunterrichtliche Aufgaben,
- unzureichend gestaltete Digitalisierung (digitaler Stress),
- ausgediente Abend- und Wochenendarbeit,
- Personalmangel oder
- zunehmende Heterogenität der Lerngruppen.
DIE GEW-Hamburg nimmt Stellung: „Es wird Zeit für echte Zeit“
„Die Studie ist der lange geforderte Realitätscheck für das Hamburger Planungsmodell“, erklärte Sven Quiring, Vorsitzender der GEW Hamburg, auf der Pressekonferenz. „Die starre Lehrerarbeitszeitverordnung von 2003 bildet die tatsächliche Arbeitszeit längst nicht mehr ab. Zwei Stunden pro Woche fehlen systematisch, neue Aufgaben summieren sich inzwischen auf über zehn Stunden wöchentlich. Pädagogische Kernaufgaben wie Klassenleitung (insbesondere in Stadtteilschulen) sowie Vor- und Nachbereitung (insbesondere in Gymnasien) sprengen regelmäßig die Vorgaben. Es wird Zeit zum Handeln, es wird Zeit für echte Zeit!“
„Wenn im Durchschnitt ein Viertel der Lehrkräfte“, warnt auch Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hamburg, „die gesetzliche Höchstarbeitszeit überschreitet, ist das ein klarer Verstoß gegen den Arbeitsschutz. Hier handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem. Gute Bildung in Hamburg braucht dringend spürbare Entlastungen und mehr Personal.“ Und weiter: „Die Studie zeigt ein bedrückendes Bild der Arbeitsrealität an Hamburgs Schulen: Wachsende außerunterrichtliche Aufgaben, die sich immer stärker in den Arbeitsalltag schieben, sowie überlange Arbeitstage, wiederkehrende Spitzenbelastungen und fehlende Erholungsphasen führen häufig zu einer problematischen Work-Life-Balance und Konflikten bei Sorgearbeit. Hier braucht es endlich die gesetzlich vorgegebene Arbeitszeiterfassung als Instrument für Arbeitsschutz und Belastungsmonitoring – nicht als Kontrollinstrument.“
Und Bodo Haß, 2. stellvertretender Vorsitzender der GEW-Hamburg ergänzt: „Die Studie zeigt neben weiteren Belastungsfaktoren wie strukturellen Engpässen und hohen emotionalen Beanspruchungen auch zum ersten Mal den digitalen Stress auf, unter dem Lehrkräfte leiden. Nicht fehlende Kompetenzen oder Schulungen sind das Problem, sondern unzureichend gestaltete digitale Systeme belasten zusätzlich und erhöhen den Druck. Es braucht gemeinsam gestaltete Konzepte und fachliche Unterstützung vor Ort“.
Und Jan Voß, Vorsitzender des Gesamtpersonalrates, fordert: „Nicht zuletzt stürzt der Lehrkräfteberuf in die Gratifikationskrise. Die Behörde muss die 2022 zurückgenommenen Vorgaben zum altersgerechten Arbeiten wieder einführen und der Initiative des Gesamtpersonalrates folgen: Es braucht eine Dienstvereinbarung zum alternsgerechten Arbeiten!“
Wer sich noch ausführlicher über die Ergebnisse der Arbeitszeitstudie informieren möchte, findet hier eine Zusammenfassung:
Präsentation der Studienergebnisse (PDF)
Nicht zu vergessen unsere Sonderseite mit umfassenden Informationen zum Thema seit 2003 bis heute: https://lehrerarbeitszeit.gew-hamburg.de/
Wir danken allen Lehrkräften ganz herzlich für Ihr Engagement und Durchhaltevermögen, ohne die diese Arbeitszeitstudie undenkbar gewesen wäre. Ihr habt damit nicht nur für euch selbst, sondern für alle Lehrkräfte in Hamburg wichtige Daten zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes zusammengetragen! Großartig!
Herzliche Grüße
Euer Projektteam
Infos des Monats
Dr. Frank Mußmann präsentiert allen Multiplikator*innen die Studienergebnisse zur Arbeitszeit und Arbeitsbelastung 2025 am Mittwoch, 27.11.2025, 16 Uhr im Curio-Haus, Rothenbaumchaussee 15.
Ein Fachtag zur Arbeitszeitstudie findet am Freitag, 29. November 2025, von 15.30 Uhr bis 18 Uhr, im Curio-Haus, Rothenbaumchaussee 15, findet statt: Hamburger Studienergebnisse Arbeitszeit und Arbeitsbelastung 2025
