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Hamburger Lehrerzeitung
Zeitschrift der GEW Hamburg
Januar 01/02
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Bis auf den heutigen Tag arbeiten staatliche Schulen mit Ziffernnoten; das war beim Kaiser so, zu Hitlers Zeiten auch und auch die demokratisch gewählten Parlamentarier halten es für gut und richtig, dass die deutsche Schuljugend auf diese Weise lernt, be- und verurteilt wird.

Wenn also die Noten aus der Sicht des Staates eine so segensreiche Einrichtung sind, werde ich mich mit meinem beschränkten Geist doch nicht dagegen stemmen, im Gegenteil: Mir fiel es vor einiger Zeit wie Schuppen von den Augen, als ich dachte: »Was der um das Wohlergehen seiner Jugend besorgte Staat für recht hält, kann meiner Frau doch nur billig sein.« Ich machte mich also vor einiger Zeit daran, meiner Frau Ziffernoten zu geben.

Früher hatte ich meine Frau in höchsten Tönen beim Mittagessen etwas in dieser Weise gelobt: »Das hast du aber heute wieder liebevoll zubereitet« und/oder »Die Gewürze sind fein aufeinander abgestimmt« und/oder »Das war aber reichlich und ich bin satt geworden«. Heute sage ich ihr knapp und bündig: »Für das heutige Essen bekommst du eine 1.« Natürlich habe ich weitere Beurteilungsfelder gefunden, z.B. die liebevolle Zuwendung, den sparsamen Umgang mit dem ihr zustehenden Hausstandsgeld und die Erziehung unserer Kinder (alles »Hauptfächer«), dann das Staubsaugen und -wischen, die Blumenpflege und das Silberputzen (alles »Nebenfächer«). Der (männlichen) Phantasie eröffnen sich noch viele andere Bereiche. Um nicht Gefahr zu laufen, meine Frau wegen meiner ihr gegenüber bestehenden Liebe und Zuneigung zu milde zu beurteilen, habe ich meine Beurteilungskriterien objektiviert.

Ich tat es, indem ich zum Vergleich die Leistungen der Frauen aus der Nachbarschaft und die meiner Mutter heranzog. Zwischen dieser und meiner Frau ist es deshalb seit einiger Zeit zu mir nicht ganz verständlichen Spannungen gekommen. Morgen bekommt meine Frau ihr Zeugnis. Ihre Durchschnittsnote ist 2, sodass von diesem hohen Leistungsstand her für sie nicht die Gefahr besteht, dass sie mein Haus verlassen muss. Im Prinzip bin ich strikt dagegen; aber wenn meine Frau – nur so zum Spaß – mich auch beurteilen dürfte, bekäme ich als Ehemann bestimmt eine 1 – meinen Sie das nicht auch?

Volkmar Sieh Wus:
GUTE SCHULE – SCHLECHTE SCHULE
von Wulf Wallrabenstein, Rohwolt Taschenbuch Verlag

Redaktion
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