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Bis auf den
heutigen Tag arbeiten staatliche Schulen mit Ziffernnoten; das war beim Kaiser
so, zu Hitlers Zeiten auch und auch die demokratisch gewählten Parlamentarier
halten es für gut und richtig, dass die deutsche Schuljugend auf diese Weise
lernt, be- und verurteilt wird.
Wenn also die Noten aus
der Sicht des Staates eine so segensreiche Einrichtung sind, werde ich mich
mit meinem beschränkten Geist doch nicht dagegen stemmen, im Gegenteil: Mir
fiel es vor einiger Zeit wie Schuppen von den Augen, als ich dachte: »Was
der um das Wohlergehen seiner Jugend besorgte Staat für recht hält, kann meiner
Frau doch nur billig sein.« Ich machte mich also vor einiger Zeit daran, meiner
Frau Ziffernoten zu geben.
Früher hatte ich meine
Frau in höchsten Tönen beim Mittagessen etwas in dieser Weise gelobt: »Das
hast du aber heute wieder liebevoll zubereitet« und/oder »Die Gewürze sind
fein aufeinander abgestimmt« und/oder »Das war aber reichlich und ich bin
satt geworden«. Heute sage ich ihr knapp und bündig: »Für das heutige Essen
bekommst du eine 1.« Natürlich habe ich weitere Beurteilungsfelder gefunden,
z.B. die liebevolle Zuwendung, den sparsamen Umgang mit dem ihr zustehenden
Hausstandsgeld und die Erziehung unserer Kinder (alles »Hauptfächer«), dann
das Staubsaugen und -wischen, die Blumenpflege und das Silberputzen (alles
»Nebenfächer«). Der (männlichen) Phantasie eröffnen sich noch viele andere
Bereiche. Um nicht Gefahr zu laufen, meine Frau wegen meiner ihr gegenüber
bestehenden Liebe und Zuneigung zu milde zu beurteilen, habe ich meine Beurteilungskriterien
objektiviert.
Ich tat es, indem ich
zum Vergleich die Leistungen der Frauen aus der Nachbarschaft und die meiner
Mutter heranzog. Zwischen dieser und meiner Frau ist es deshalb seit einiger
Zeit zu mir nicht ganz verständlichen Spannungen gekommen. Morgen bekommt
meine Frau ihr Zeugnis. Ihre Durchschnittsnote ist 2, sodass von diesem hohen
Leistungsstand her für sie nicht die Gefahr besteht, dass sie mein Haus verlassen
muss. Im Prinzip bin ich strikt dagegen; aber wenn meine Frau – nur so zum
Spaß – mich auch beurteilen dürfte, bekäme ich als Ehemann bestimmt eine 1
– meinen Sie das nicht auch?
Volkmar
Sieh Wus:
GUTE SCHULE – SCHLECHTE SCHULE
von Wulf Wallrabenstein, Rohwolt Taschenbuch Verlag
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